Freitag, 2. Dezember 2016

Mensch, Hund!

3Sat sendet am Donnerstag, 8.12.16 um 20.15 Uhr die Dokumentation: "Mensch, Hund! Der Rasse-Wahn und seine Folgen". Im Film von Klaus Kastenholz werden Missstände in der Hundezucht angeprangert und nach Auswegen geschaut. Es ist eine Wiederholung von 3Sat von September 2013, aber - leider - immer noch aktuell. Danach kommt Scobel, wo das Thema Schönheit ganz allgemein weiter vertieft wird.

Wer das Thema Mensch-Hund weiter vertiefen will, dem seien bei dieser Gelegenheit folgende Optionen empfohlen:
  • DOCnDOG - Die Akademie für Hundefreunde
Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund
Von Streicheln, Stress und Oxytocin

Hier geht es darum, wie aus der Beziehung zwischen Mensch und Wolf überhaupt der Hund entstehen konnte und worauf diese einmalige Verbindung zweier Spezies gründet und funktioniert.

Am 5. April 2017, 19 Uhr in Rödinghausen (Nähe Bielefeld)
  • 3. Rostocker Vierbeiner Symposium
Wissenschaft trifft Hund
Der Wolf. Der Hund. Der Mensch.

Mit Vorträgen von Elli Radinger, Christoph Jung, Daniela Pörtl

Am 17. Juni 2017, 9 -17 Uhr in der Universität Rostock
  • Dokumentarfilm „Freund oder Feind“ über die Ambivalenz der Mensch-Hund-Beziehung
Der Film von Ruth Stolzewski kommt in diesen Tagen in den Handel.


Bereits 2009 erschienen aber  - leider - immer noch aktuell:
https://www.amazon.de/Schwarzbuch-Hund-Menschen-bester-Freund/dp/3837030636/ref=asap_bc?ie=UTF8

Und die Hintergründe dieser besonderen Beziehung wissenschaftlich beleuchtet in: 

Sonntag, 13. November 2016

Hund, Barf und Getreide, neue Erkenntnisse der Forschung

Ist Getreide schädlich für unsere Hunde? An dieser Frage scheiden sich nicht selten die Geister der Hundefreunde. Seit einigen Jahren geht die Behauptung durch die Szene, Getreide sei als Nahrung ungeeignet, ja gefährlich für Hunde. Viele Futtermittelhersteller werben seither offensiv mit dem Label, ihr Produkt sei frei von Getreide, als Merkmal guter Qualität. Die meisten BARF- und Rohfutter-Anbieter halten per se schon einmal nichts von Getreide und befeuern diesen Trend.

Dabei wird gerne auf den Wolf verwiesen. Der Wolf sei ein Fleischfresser und der Hund stamme schließlich von diesem ab. Deshalb sei es die natürliche Ernährung des Hundes, wenn diese möglichst weitgehend der Ernährung des Wolfs entspricht. Extremform dieser Auffassung ist die in letzter Zeit in Mode gekommene Prey-Methode, die ganze Tiere, etwa Kaninchen oder Hühner oder große Stücke anderer Tiere, als Futter für den Hund propagiert.
(Foto: Christoph Jung)
Evolution der Ernährung vom Wolf zum Hund

Allerdings sind auch das nur grobe Annäherungen an die Ernährung des Wolfes. Wölfe sind kollektive Hetzjäger, deren Hauptbeute in unseren Breiten aus Rehen besteht, jedenfalls größerem Wild. Zudem sind Wölfe recht flexibel, sie nehmen gelegentlich auch pflanzliche Kost oder Fische. Auf den Kanada vorgelagerten Pazifik-Inseln gibt es eine Wolfspopulation, die sich praktisch ausschließlich von Fischen und Krebsen ernährt. Wilde Wölfe haben zudem einen ganz anderen Nahrungsbedarf als Hunde. Sie sind Hetzjäger, die große Entfernungen zurücklegen und im Ernstfall an ihre körperlichen Leistungsgrenzen gehen müssen, um eine Jagd erfolgreich zu beenden. Dann hauen sie sich den Magen voll mit riesigen Mengen Fleisch, um dann wieder tagelang fasten zu können. Unsere Hunde leben da ein wenig anders - und das seit vielen tausenden von Jahren. Hunde sind nicht als Wölfe, auch nicht als zahme Wölfe zu verstehen. Ich will an dieser Stelle anlässlich aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse nur auf eine Frage eingehen:

Zählt Getreide zur natürlichen Ernährung des Hundes?

Hierzu will ich auf zwei ganz aktuelle, wissenschaftliche Untersuchungen verweisen. Beide Untersuchungen befassen sich mit Alpha-Amylase 2B. Das ist ein Enzym, das bei Mensch wie Hund die Verarbeitung von Stärke (Polysaccharide), etwa aus Getreide, zu Zucker und damit die Aufnahme als Nahrung ermöglicht. AMY2B bezeichnet das Gen, das dieses Enzym kodiert. So kann man anhand der Genausstattung, die man heute viel genauer als noch vor wenigen Jahren lesen kann, auf die Fähigkeit schließen, Stärke in der Nahrung zu nutzen. Bereits 2014 war in einer Untersuchung nachgewiesen worden, dass auch beim Hund die Anzahl der AMY2B-Kopien im Genom mit der Fähigkeit zusammenhängt, das Enzym Amylase zu produzieren (1).
Stand von Mars (hier Royal Canin) auf einer Ausstellung des VDH
(Foto: Christoph Jung)
Im Gegensatz zum Wolf: Hunde können Stärke aus Getreide verarbeiten.

Im Juli 2016 veröffentlichte ein Team aus Mikrobiologen und Biochemikern der Universitäten Uppsala (Schweden) und Sydney (Australien) eine weitere Untersuchung zum Thema. Sie untersuchten das Blut von 221 Hunden, darunter 95, die ursprüngliche Hunde repräsentieren (u.a. 25 australische Dingos), sowie 126 Rassehunde. Zusätzlich wurden die Blutwerte der 171 Hunde (darunter 19 Grönlandhunde) genommen, die bereits in der oben angeführten Studie von 2014 untersucht worden waren. Insgesamt lagen also die Daten von 392 Hunden vor. Die Anzahl der AMY2B-Kopien im Genom der Hunde schwankte zwischen 11 und 3. Die regionale Verteilung der Häufigkeit entspricht den Wissenschaftlern zufolge exakt den historischen Schwerpunkten der Herausbildung des Getreideanbaus in der Geschichte der Menschheit. So wundert es nicht, dass die Hunde aus arktischen wie die australischen Gebieten die geringsten Amylase-Fähigkeiten zeigten, im Gegensatz zur breiten Mehrheit der Hunde, die mit 11 AMY2B-Genabschnitten ausgestattet sind. Allerdings ist selbst die relativ schwache Fähigkeit der arktischen Hunde immer noch besser ausgebildet als die der Wölfe. Die Forscher fassen zusammen: "Wir zeigen, dass das Verteilungsmuster geographisch mit der Ausbreitung der prähistorischen Landwirtschaft korreliert und kommen zu der Schlussfolgerung, dass die Ernährungsumstellung nicht mit der ursprünglichen Domestikation, sondern mit der anschließenden Herausbildung und Verbreitung der Landwirtschaft in den meisten, aber nicht allen Regionen der Welt zusammenhängt." (2)

Gemeinsame Evolution: Mit dem Ackerbau kam die Fähigkeit, Stärke als Nahrung zu nutzen.

Im November 2016 wurde wieder eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht. Diesmal schaute man direkt in die Vergangenheit. Man untersuchte die DNA aus fossilen Zähnen von 13 früh- und vorgeschichtlichen Hunden, zwischen 4.000 und 15.000 Jahren alt, hinsichtlich der enthaltenen AMY2B-Kopien. Es zeigte sich, dass Hunde die Fähigkeit, Stärke zu verdauen, zur gleichen Zeit wie die Menschen entwickelten. Vor 7.000 Jahren erhöhte sich die Zahl der Kopien des Amy2B-Gens sprunghaft. Der Zeithorizont der genetischen Veränderungen stimmt mit dem Zeitfenster der Einführung der Landwirtschaft in Europa genau überein. Das Forscher-Team aus Frankreich, Schweden, Russland und Rumänien fast zusammen: "In dieser Studie haben wir Beweise für eine Erhöhung der Amylase-Gen-Kopienzahl in alten Hunde-Genomen gefunden, die ein festes ante quem während des 7. Jahrtausends cal BP in Südosteuropa vorweisen. Wir haben gezeigt, dass sich die heutige Fähigkeit der meisten Hunde, Stärke zu verdauen, nicht aus Selektion der Abstammungslinien während der klassischen Antike oder aus der Zucht der modernen Rassen des 19. Jahrhunderts ergibt, vielmehr spätestens im Neolithikum zwischen dem 10. und 7.-5. Jahrtausend cal BP, zumindest in verschiedenen Regionen West- und Osteuropas und Südwestasiens begann." Die Wissenschaftler fahren fort: "Die Geschichte der Amy2B-Erweiterung bei Hunden legt nahe, dass die für die Verdauung von Stärke verantwortlichen Gene bei Mensch wie Hund möglicherweise ähnliche Veränderungen durchaufen haben." (3)*
Wenn`s um die Wurst geht... (Foto: Christoph Jung)
Co-Evolution von Mensch und Hund

Mit seiner bereits vor mehr als 30.000 Jahren beginnenden Domestikation wurde der Mensch mit seinen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten für den Hund zu dessen sozialem Zentrum. Der Hund wurde zum Lebens- und Arbeitspartner des Menschen, durchschritt mit ihm sämtliche evolutionären Sprünge seit der Altsteinzeit. Vielleicht ermöglichte erst die Zusammenarbeit mit dem Hund epochale Sprünge wie etwa die Gewinnung der Kontrolle über wilde Ziegen und Schafe, die den Beginn der "Vieh"-Haltung markieren. Der Hund war dabei, als die Menschen nach und nach zum Ackerbau übergingen. Und, wie die angeführten Untersuchungen untermauern, der Hund veränderte auch seine Ernährungsgewohnheiten zusammen mit dem Mensch. Die Menschen mussten sich auf neue Nahrung einstellen. So entwickelten die Menschen Europas im Zuge der Milchwirtschaft die Fähigkeit, Laktose zu verarbeiten. So entwickelten sie immer intensiver die Fähigkeit, die im Getreide enthaltene Stärke als Nahrung zu nutzen.

Begleiter des Menschen auch bei der Nahrung

Die Ernährung des Hundes war seit tausenden von Jahren der des Menschen angepasst. Wahrscheinlich bestand sie - neben Mäusen und Ratten, die der Hund im Sinne der Menschen kurz hielt und beispielsweise gelegentlich im eigenen Interesse erjagten Kaninchen - in Wesentlichen aus Abfällen und Resten der menschlichen Nahrung, die sich ständig veränderte. Die quasi natürliche Ernährung des Hundes hat diese Entwicklung unmittelbar mitgemacht. In diesem Umfeld bildete der Hund sogar die Fähigkeit heraus, Getreide als Nahrung zu erschließen; eine Nahrungsquelle, die dem Wolf weitestgehend fremd war und ist (bestenfalls als Mageninhalt von im Ganzen verspeisten Kleinsäugern oder Vögeln). Entsprechend kennen wir aus der Antike zahlreiche Belege für die Ernährung von Hunden mit Getreideprodukten oder auch Milch. Der römische Agrarwissenschaftler Columella, der um das Jahr 50 ein zwölfbändiges Standardwerk über die Landwirtschaft "De re rustica" verfasste, empfahl "Gerstenmehl und Molke" als besonders hochwertige Hundenahrung, etwa für einen kranken Hund oder eine säugende Hündin. Aber auch noch viel ältere Zeugnisse der Menschheit weisen auf diesen Bestandteil der Hundenahrung hin.

Es soll hier allerdings keineswegs dafür gesprochen werden, dass Hunde kein rohes Fleisch oder andere tierische Nahrung erhalten oder überwiegend mit Getreide ernährt werden sollten. Es ist auch nichts gegen eine ideologiefreie, gemäßigte Rohfütterung einzuwenden. Für Hunde zählt es zu den höchsten Genüssen, ungestört an einem fleischigen Rinderknochen zu nagen und das tut ihnen sicher nicht nur ernährungstechnisch vielmehr auch psychisch gut. Eine pauschale Ablehnung von Getreide als Teil der Ernährung des Hundes hat jedoch keine Grundlage aus dem wissenschaftlichen Verständnis des Hundes - weder evolutionär noch physiologisch betrachtet. Die zuweilen geschürte Angstmacherei vor Getreide in Hundenahrung hält einer genaueren Betrachtung nicht stand und scheint wohl eher einem wirtschaftlichen Konzept denn dem Wohl der Hunde und ihrer Menschen geschuldet. Dieser Schluss ergibt sich alleine schon aus einem tieferen Verständnis der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Hund. Die aktuellen Studien* stützen eine solche Sicht lediglich. Zudem muss darauf hingewiesen werden, dass der Hund bei aller Co-Evolution mit dem Menschen immer noch über ein anders konzipiertes Verdauungssystem als der Mensch verfügt, ein Verdauungssystem, dass eben weit mehr dem des Wolfes als dem eines Menschen gleicht.

Quellen
  • (1) Arendt M, Fall T, Lindblad-Toh K, Axelsson E (2014), Amylase activity is associated with AMY2B copy numbers in dog: implications for dog domestication, diet and diabetes. Anim Genet, 45: 716–722. doi:10.1111/age.12179
  • (2) Arendt M, Cairns KM, Ballard JWO, Savolainen P, Axelsson E. (2016), Diet adaptation in dog reflects spread of prehistoric agriculture. Heredity 117, 301–306. doi:10.1038/hdy.2016.48
  • (3)* Morgane Ollivier, Anne Tresset, Fabiola Bastian, Laetitia Lagoutte, Erik Axelsson, Maja-Louise Arendt, Adrian Balasescu, Marjan Marshour, Mikhail V. Sablin, Laure Salanova, Jean-Denis Vigne, Christophe Hitte, Catherine Hänni (2016) Amy2B copy number variation reveals starch diet adaptations in ancient European dogs. R. Soc. open sci. 2016 3 160449; Published 9 November 2016. doi:10.1098/rsos.160449 
(Die Zitate sind eigene Übersetzungen)

Ein Artikel von Christoph Jung

* Anmerkung zum Thema "unabhängige Forschung":
folgt, Stichwort "Funding durch Nestlé Purina"

Montag, 10. Oktober 2016

Tod und Trauerbewältigung beim Tod des Hundes

Mit dem Hundemagazin HundeWelt führte Christoph Jung, Diplom-Psychologe und Hundefreund, nachfolgendes Interview zu einem Thema, das alle Hundefreunde irgendwann ganz persönlich betrifft, wovor Viele Angst haben, ein schmerzvolles Thema: Wenn unsere lieben Hunde gehen müssen...

HundeWelt: Was ist eigentlich unter Trauer zu verstehen?

Christoph Jung: Trauer ist eine unserer elementaren Gefühlslagen. Trauer wird in der Regel durch den Verlust eines wichtigen Mitglieds des sozialen Umfelds ausgelöst. Wir sind hochsoziale Lebewesen. Bricht hier etwas weg, so geht ein Teil von uns selbst, ein Teil unserer Identität verloren. Trauer ist ein Prozess unserer Psyche, den wir ernst nehmen und zulassen müssen. Nur so kann der Verlust verarbeitet werden.

HundeWelt: Darf man um seinen Hund trauern?

Christoph Jung: Hunde zählen zu unserem engsten sozialen Umfeld. Nicht wenigen Menschen steht ihr Hund sogar näher als manche Mitglieder ihres menschlichen Umfelds. In der Regel haben wir eine intensive emotionale Bindung mit unserem Hund. Sein Verlust, sei es durch Tod, Scheidung oder andere Umstände erzeugt in uns das Gefühl der Trauer. Wie stark das Gefühl ist, hängt von vielen Faktoren ab. Der Hund ist jedenfalls auch objektiv ein wichtiger Sozialpartner des Menschen. Unsere Evolution ist seit mehr als 30.000 Jahren aufs Engste verzahnt. Das spiegelt sich unbewusst in unseren Gefühlen wieder.
HundeWelt:  Wann ist der richtige Zeitpunkt, Abschied zu nehmen?

Christoph Jung: Mehr als 80% aller Hunde werden vom Tierarzt über die Regenbogenbrücke geschickt. Das heißt, es ist eine bewusste Entscheidung. Wir müssen uns damit abfinden, wenn die Zeit gekommen ist. Wir sollten diese Herausforderung positiv annehmen und die letzten gemeinsamen Tage innig und bewusst erleben. Dies anzuerkennen ist zugleich die erste Phase der Trauerarbeit. Es ist oft schwer, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Spätestens wenn unser Hund keine Lebensfreude mehr zeigt, ist es soweit. Da darf man nicht egoistisch sein. Ich selbst habe, wenn das Ende absehbar war, mit meinem langjährigen Tierarzt die Verabredung getroffen, dass er dann zu uns nach Hause kommt.

HundeWelt:  Viele Menschen halten das Trauern um einen Hund für übertrieben Sie sagen, es sei schließlich nur ein Tier. Was denken Sie darüber?

Christoph Jung: Im Christentum wie im Islam ist einzig der Mensch das von Gott auserwählte Geschöpf. Heute noch vertreten Geistliche, dass Trauergefühle für ein Tier unangemessen seien, dass dies ein Privileg des Menschen für Menschen sei. Diese Einstellung spiegelt sich in der landläufigen Meinung wieder, es sei schließlich nur ein Tier. Trauer um einen Hund findet in unserer heutigen Gesellschaft nur verhalten Akzeptanz. Die Trauerkultur ist hier verloren gegangen. Das war früher anders. Das zuweilen schlechte Ansehen des Hundes in den vergangenen Jahrhunderten ist ein Sonderfall der Geschichte der Menschheit. In den vielen tausend Jahren davor hatte der Hund ein hohes Ansehen.

HundeWelt:  Wie denken Sie darüber, Hunde in Gräbern zu bestatten?

Christoph Jung: Ein Grab ist eine Gedenkstätte für die Überlebenden, ein Platz zum Trauern, eine Ehrerbietung für den Verstorbenen. Es ist nun einmal Realität, dass wir eine sehr enge Bindung zum Hund aufbauen können. Man hat viele schöne gemeinsame Stunden verbracht. Man hat schwere Zeiten gemeistert. Viele Hunde leisteten wundervolle Arbeit als Assistenzhunde, beim Hüten, bei der Jagd, die Kinder sind mit ihm aufgewachsen. Was spricht dagegen, einem vertrauten, vielleicht sogar geliebten Begleiter ein Denkmal zu setzen, ihm seine letzte Ehre zu erweisen? In Oberkassel bei Bonn finden wir den ältesten Beweis aus der Steinzeit. In dem 14.000 Jahre alten Doppelgrab wurden ein Mann, eine Frau und zwischen ihnen ein Hund begraben. Wir finden gemeinsame Gräber von Menschen und Hunden aus allen Epochen der Geschichte und Vorgeschichte. Die Zeitschrift National Geografic berichtet aus Südamerika: „Wie heutige Hundeliebhaber ihre Haustiere mit Häppchen vom Tisch verwöhnen und Hunde einen Platz auf dem Bett haben, so behandelten die alten Peruaner ihre Hunde als Familienangehörige. Sie erhielten ihr eigenes Grab, und in einigen Fällen sind sie mit Decken und Lebensmitteln begraben.“ Reichskanzler Otto von Bismarck ließ seine Doggen auf dem Schloss beerdigen wie der Große Fritz seine italienischen Windspiele. Bereits 1899 wurde in Paris der erste neuzeitliche Hundefriedhof eröffnet. Man muss eigentlich umgekehrt die Frage stellen: warum haben es die Menschen der Neuzeit verlernt, ihre Tiere respektvoll zu behandeln?
HundeWelt:  Wie soll man mit dem Tod eines treuen Begleiter umgehen?

Christoph Jung: Zunächst ist dies eine sehr persönliche Frage, die individuell beantwortet werden muss. Als erstes sollte man seine Trauer zulassen und ausleben. Unser liebes Hundchen hat Tränen verdient. Wir brauchen uns derer nicht zu schämen. Meist tut es gut, mit Hundefreunden ein stückweit gemeinsam Trauerarbeit zu leisten. Es gilt dabei mehrere Phasen zu durchleben: zunächst die Abwehr, das nicht Wahrhabenwollen, das Hadern mit dem Schicksal, dann die Wut, schließlich das Realisieren des Verlustes, das Sichabfinden. Nun beginnt man mit der Reorganisation des eigenen Lebens. So wird der Boden bereitet für neue Freude, die ebenso zugelassen werden sollte. Wir brauchen diese Phasen des Trauerns. Unser verstorbener Hundefreund wird immer einen Platz in unserem Herzen haben. Es ist erfreulich, dass wir inzwischen professionelle Helfer, etwa Tierfriedhöfe oder Krematorien, haben, die es selbst in der Großstadt ermöglichen, einen würdevollen Rahmen für den Abschied zu schaffen.

HundeWelt:  Manche Hundehalter wollen sich keinen Hund mehr anschaffen aus Angst vor dem unvermeidbaren Abschiedsschmerz. Eine richtige Entscheidung?

Christoph Jung: Es ist der einzige Wermutstropfen der Partnerschaft Mensch - Hund: der Hund hat eine viel kürzere Lebenserwartung. Er hat nur etwa fünfzehn Jahre, heute durch die Versäumnisse der Zucht nur zehn. Da ist absehbar wie aus dem eben noch tollpatschigen Welpen, der unser Gesicht vor Freude strahlen lässt, ein ruhiger, treuer Hundegreis wird. Die Bilder vergehen wie im Flug. Es heißt immer, der Hund sei unser Begleiter. Tatsächlich ist es andersherum. Wir begleiten den Hund durch sein ganzes Leben. Dabei hat jede Phase ihre schönen Seiten. Auch der alte Hund hat etwas Wunderschönes in seiner tiefen Vertrautheit. Der Hund hat sein Leben erfüllt. Wegen des Abschiedsschmerzes auf die Freude dieser Partnerschaft zu verzichten, halte ich mit Konrad Lorenz für kleingeistig.

HundeWelt:  Sie halten schon lange Hunde, wie haben Sie selbst den Abschied von Ihren Lieblingen erlebt?

Christoph Jung: Als jemand der sein ganzes Leben mit Katzen und Hunden verbracht hat, gab es naturgemäß schon einige Abschiede. Es gab meist friedliche und vereinzelte, von mir als grausam empfundene Abschiede. Ich habe immer sehr gelitten, wenn eine dieser Persönlichkeiten gegangen ist. Auch heute noch kommt mir zuweilen eine Träne. Aber es überwiegen bei weitem Freude und Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. So kommt mir immer wieder ein Lächeln, wenn ich an diese oder jene Situation denke, wenn die alten Feunde in meinem Herzen kurzzeitig lebendig werden.

HundeWelt:  Der alte ist gegangen. Soll ein neuer Hund kommen?

Christoph Jung: Ja, ein neuer Hund bringt wieder Freude ins Haus. Es ist kein Verrat am alten Hund. Gerade wenn wir eine innige Verbindung zu unserem alten, geliebten Freund hatten, wissen wir, dass er sein Frauchen oder Herrchen immer glücklich sehen will.


Das Interview und mehr gibt es in der HundeWelt 11/2016:
Zu den Hintergründen dieser einmaligen Seelenverwandtschaft:
"Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" (Schattauer-Verlag, Reihe Wissen & Leben) von Christoph Jung und Daniela Pörtl - mit einem Geleitwort von Andreas Kieling.

(Fotos: Christoph Jung)

Freitag, 9. September 2016

Gendefekt beim Lundehund nachgewiesen

Das Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover (THH) hat die genetisch basierte Veranlagung für das Lundehundsyndrom wissenschaftlich zweifelsfrei nachgeweisen. Es hat ferner einen Gentest für das Lundehundsyndrom entwickelt und einsatzfähig gemacht. Das ist ein großer Fortschritt für die Zucht dieser besonderen und seltenen Hunderasse. Es kann die Hunderasse, die aufgrund von extremer Inzucht und ihrer genetischen Verseuchung mit der Veranlagung für das Lundehundsyndrom gebeutelt ist, vor dem drohenden Aussterben retten.

Rettung des Lundehunds nun möglich

Das Lundehundsyndrom ist eine schwerwiegende, nicht selten qualvolle Krankheit. Die Tierärztlichen Hochschule beschreibt das Lundehundsyndrom wie folgt: "Das Lundehundsyndrom ist eine schwerwiegende gastro-enteropathische Erkrankung für die der Lundehund eine Rassendisposition besitzt. Das Syndrom umfasst chronisch-entzündliche Defekte des Darms, Proteinverlust-Enteropathien (PLE), Lymphgefäßausweitungen im Darm sowie Magenprobleme. Betroffene Hunde reagieren unterschiedlich stark auf die Störungen im Magen-Darmtrakt mit Erbrechen, Durchfall, Gewichtsverlust bis hin zur Apathie. Eine Euthanasie ist in schwere Fällen bzw. bei einem anhaltenden chronischen Verlauf der Erkrankung häufig unumgänglich."

Lundehundsyndrom durch Mutation verursacht

Das Lundehundsyndrom wird durch eine Mutation im Gen LEPREL1 verursacht, wie die THH nachweisen konnte. Mit dem Test auf diese Mutation hat man endlich ein verlässliches Instrument in der Hand, diese Krankheit mit einem Gesundzuchtprogramm nach und nach aus der Zuchtpopulation zurückzudrängen. Laut Statuten des VDH sind die ihm angeschlossenen Zuchtvereine auch verpflichtet, solche Zuchtprogramme aufzulegen.

Unter anderem heißt es in der Zuchtordnung des VDH §2:
"Sämtliche Zuchtmaßnahmen müssen zum Ziel haben, ...  erbliche Defekte durch geeignete Zuchtprogramme zu bekämpfen. Zur Bekämpfung erblicher Defekte ist ein Vorgehen nach einem Phasenprogramm erforderlich."

Zudem verbietet bereits das geltende Tierschutzgesetz in § 11b die Zucht mit solchen schwer erbkranken Tieren:
"Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten..., wenn damit gerechnet werden muss, dass bei der Nachzucht, ... erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten." Werden künftig Lundehunde ohne Gentest auf Veranlagung für das Lundehundsyndrom gezüchtet so kann man von einem Verstoß gegen das Tierschutzgesetz sprechen, der auch entsprechend zur Anzeige gebracht werden muss.

Zucht ohne Gentest und Gesundzuchtprogramm ist Tierquälerei

Bisher haben sich die meisten Züchter des Lundehundes nicht durch ein Interesse an dem Wohl und der Gesundheit des Lundehundes hervorgetan. Das Interesse an der gewinnbringenden Vermarktung der Welpen scheint alles zu dominieren. So wurde die extrem hohe Inzucht beim Lundehund dem Umstand angedichtet, dass es angeblich nur ein Gründungspaar gegeben habe. Es ist ein Nebeneffekt der Forschungen unter Prof.Dr. Ottmar Distl, dass dieser Flaschenhals definitiv in das Reich der Züchterlegenden verbannt werden kann. Tatsache ist, dass allein die auf kurzsichtige Profitgier ausgerichtete Zucht dieser einmaligen Hunde diesen extremen Inzuchtgrad zu verantworten hat.

Der Lundehund ist es wert, erhalten zu werden

Der Lundehund ist ein ganz besonderer und zudem einmaliger Hund. Lunde ist der norwegische Name für den Papageientaucher, der an manchen Küsten Norwegens in großen Schwärmen brütet. Früher war die Jagd auf den Lunde ein wichtiger Teil der Nahrungsversorgung der Einheimischen. Hierbei entstand der Lundehund als Jagdhelfer. An den schroffen Küsten der Nordsee musste er die Vögel aus ihren engen Höhlen holen. Diese brüten in tiefen und engen Höhlen an den steilen, unzugänglichen und schroffen Felshängen über der kalten Meeresbrandung. Diese speziellen Anforderungen ließen einen Hund entstehen, der zahlreiche anatomische Besonderheiten aufweist. Auf diese Besonderheiten geht Lundehund-Expertin Nicole Kamphausen auf Petwatch ein:

"Norwegischer Lundehund - FCI Gruppe 5, Section 2, 265 - Der Name 'Lundehund' leitet sich ab von dem Lundevogel (Fatercula arctica-artica). Er gilt als eine der Welt seltensten Hunderassen.
Der Grund hierfür ist nicht nur in der weltweit geringen Population zu sehen, sondern insbesondere in der Tatsache, dass sich eine Anzahl seltener anatomischer Besonderheiten in derselben Rasse vereinigen. Einige dieser Merkmale finden sich bei anderen Hundeformen nur sporadisch. An jedem Fuß sind vornehmlich sechs Zehen ausgebildet, wobei oft eine siebente Zehe im Ansatz vorkommt.
Er kann die Ohren so verschließen, dass der Gehörgang vor Staub und Feuchtigkeit geschützt ist; er hat Genickgelenke, die ihn in die Lage versetzen, seinen Kopf zurückzubeugen, so dass der Scheitel den Rücken berührt. Dies hat sich evolutionär deshalb so in der Wirbelsäule entwickelt, weil es für den hochspezialisierten Hund dann praktisch und lebensrettend sein kann, wenn er sich auf der Jagd in engen Erdgängen mit der Beute im Maul umdrehen muss. Darüber hinaus verfügt er über außergewöhnlich bewegliche Schultergelenke, die ihm ermöglichen, die Vorderbeine vollkommen zur Seite zu führen.
"

Lundehund, ein einzigartiger Hund

Der Lundehund zeichnet sich neben diesen Besonderheiten als umgänglicher Familienhund aus, der auch ein verlässlicher Gefährte der Kinder ist. Der Lundehund, gesund gezüchtet, ist ein wunderbarer Begleiter. Es ist maßgeblich Nicole Kamphausen, selbst vom Lundehundsyndrom gebeutelte Halterin, zu verdanken, dass dieser grundlegende Fortschritt in der Forschung nun gemacht und zugleich ein Gentest für die praktische Anwendung in der Zucht zur Verfügung gestellt werden konnte. Nicole Kamphausen hat sich seit vielen Jahren engagiert für die Rettung dieser Hunderasse eingesetzt und musste dabei viele Verleumdungen, Beleidigungen bis hin zu handfesten Bedrohungen aus der Zuchtszene einstecken. Von dieser Stelle aus meinen herzlichen Dank an Nicole für dieses tolle Engagement!

  • Der VDH und die Züchter des Lundehundes sind nun am Zuge, endlich ein wirksames Gesundzuchtprogramm für die Rettung des Lundehundes aufzulegen, umzusetzen und zu kontrollieren. Hierzu zählt die Verpflichtung zur flächendeckenden Anwendung des nun entwickelten Gentests auf die Veranlagung zum Lundehundsyndrom.
  • Auch die Käufer von Welpen stehen in der Pflicht. Bitte kaufen Sie ab sofort nur Welpen von Züchtern, die sich nachweislich an einem Gesundzuchtprogramm beteiligen und Ihnen unter anderem auch die Ergebnisse der Gentests der Elterntiere ungefragt vorlegen. Auch die Welpen sollte auf Veranlagung für das Lundehundsyndrom getestet sein.
  • Von der Rechtslage her muss man ab sofort davon ausgehen, dass jede Zucht des Lundehundes ohne oder mit positivem Befund des Gentests und ohne Gesundzuchtprogramm gegen das geltende Tierschutzgesetz verstößt und damit strafbar ist. Möglicherweise kommen weitere Straftatbestände wie Betrug hinzu.
Ein Artikel von Christoph Jung

 
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