Sonntag, 4. Juni 2017

Hundezucht vor 8000 Jahren

Die renommierte Wissenschaftszeitung Science berichtet vorab von einer Studie, die in der August Ausgabe des "Journal of Archaeological Science" veröffentlicht wird. Russische Forscher haben die bisher ältesten Hinweise auf eine gezielte Hundezucht gefunden, 8.000 Jahre alt. Fundort ist eine kleine Insel weitab in der Ostsibirischen See, die erst 1914 entdeckt worden ist: die Schochow-Insel (engl. Zhokhov Island). Diese Insel war in der Steinzeit mit dem Festland verbunden und zeigt sich heute als Paradies für Archäologen. Hier lebte vor 8.000 und mehr Jahren ein hochentwickeltes Jägervolk. Es machte sogar aktiv Jagd auf Eisbären, das größte Landraubtier der Welt. Diese Paläo-Eskimos, deren Hauptbeute Rentiere waren, sind die einzigen Jäger, die je ohne Schusswaffen Eisbären jagten. Das ist seit längerem bekannt. Die Forscher um Wladimir Pitulko und Aleksej Kasparow von der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg fanden nun weitere Spuren dieses geheimnisvollen Volkes: Reste von Schlitten und Reste von insgesamt 11 Hunden.

8.000 Jahre alte Reste von Schlitten und Schlittenhunden

Bei der Untersuchung der Hundefossilien, die zum Teil sehr gut erhalten sind, konnten 10 der 11 Hunde einem recht einheitlichen Typ zugeordnet werden. Von Gewicht und Konstitution her sollen es Schlittenhunde gewesen sein, einem heutigen Sibirian Husky vergleichbar, so die Forscher. Der elfte Hund war deutlich größer und schwerer und würde als Schlittenhund viel zu schnell überhitzen. Hier wird angenommen, dass dieser noch sehr wolfsnahe Hundetyp bei der Jagd auf Eisbären geholfen hat. Im Vorabbericht von Science Redakteur David Grimm wird vermutet, dass die Hunde der Schochow-Insel jeweils gezielt für ihre Arbeitsaufgaben herausgezüchtet worden sind.
Hundeschädel von der Schochow-Insel (Foto: Elena Pawlowa)
Dieser Fund der russischen Archäologen ist ein wichtiger Beleg für das bereits 2009 beschriebene und in "Tierisch beste Freunde" umfassend begründete Modell der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes". Der Wolf wurde nicht als "geretteter", handaufgezogener Welpe zum Hund. Der Wolf wurde auch nicht auf einer vermeintlich existierenden ökologischen Nische "Müllplatz des Menschen" zum Hund. Er mutierte in einer solchen Nische auch nicht vom Jäger zum Müll- und Aasfresser, wie es Ray und Lorna Coppinger sowie die Wiener Verhaltensbiologinnen Friederike Range, Sarah Marshall-Pescini und Zsófia Virányi unterstellen. Eine solche Nische gab es schlicht nicht. Wie auf Petwatch bereits ausgeführt, kennen Archäologen aus der Steinzeit keine Müllkippen, die ein solches Biotop hätten abgeben können. Hierfür gibt es keinerlei Belege. Es gab bestenfalls solche aus Resten der Steinwerkzeugproduktion, Muscheln oder viel später aus zu Bruch gegangenem Steingut. Die Menschen verwerteten noch bis in die frühe Neuzeit hinein alles Essbare. Da wurde nichts weggeschmissen oder zurückgelassen - vielleicht einmal als Ausnahme. In der Steinzeit wurden aus Knochen Werkzeuge, aus Fellen Kleidung und Zelte, aus Sehnen Garn und Spannmaterial. Da blieb - zumindest in der Regel - nichts über, was eine ganze Population von "ansonsten nutzlosen" Hunden auch nur annähernd hätte am Leben erhalten können.
Schlittengespann in Sibirien, Illustration von 1856 (Quelle: Science)
Domestizierung des Hundes als Arbeitspartner

Der Hund verband sich aktiv und über seine nützliche Rolle im Überlebenskampf mit den Menschen. Er jagte, wachte, beschützte die Gemeinschaft und - wie jetzt belegt wurde - er machte sich auch schon sehr früh als Transporthelfer nützlich. Gemeinsam war (und ist) man stärker. Mit der Rolle als Arbeitspartner des Menschen wurden die erstaunlichen, einzigartigen Eigenschaften des Hundes in Bezug auf den Menschen herausgebildet. Der Hund denkt, fühlt und arbeitet mit dem Menschen. Die Schlittenhunde von Schochow sind ein weiterer Beleg für dieses Modell. Sie mussten nicht nur spezielle körperliche Eigenschaften haben, um für diese Arbeit zu taugen, wie es die Archäologen anhand der Fossilien belegen können. Sie mussten darüber hinaus auch über spezielle mentale Eigenschaften verfügen. Wer schon einmal Musher war und einen Schlitten mit mehreren Hunden geführt hat, weiß wovon ich spreche.

Mehr hierzu am
17. Juni 2017
auf dem
Wissenschaft trifft Hund - Der Wolf. Der Hund. Der Mensch."


Ein Artikel von Christoph Jung

Sonntag, 21. Mai 2017

3. Rostocker Vierbeinersymposium

A17.Juni 2017, 09:00 - 17:00 Uhr findet das 3. Rostocker Vierbeinersymposium statt. Das Motto lautet:
Wissenschaft trifft Hund
Der Wolf. Der Hund. Der Mensch.

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir laden Sie recht herzlich zum 3. Rostocker Vierbeinersymposium ein. Im Mittelpunkt des diesjährigen Symposiums stehen Domestikation, Sozialverhalten und Bindung.

Veranstalter:
Universität Rostock, Agrar- und Umweltwissenschaftliche Fakultät
Kathrin Richter, Privatinitiative "Pfotenpenne"
Heike Rudnik, Tierklinik Rostock

Veranstaltungsort:
Hörsaal JLW8-HSL
Justus-von-Liebig-Weg 8, 18059 Rostock
Referenten:
Dr. Marie Nitzschner, Christoph Jung, Daniela Pörtl

Links:






Montag, 1. Mai 2017

Rezension: What is a Dog? von Ray and Lorna Coppinger

Im April 2016 erschien das neue Buch von Raymond Coppinger und Lorna Coppinger "What is a Dog?", das jetzt als Taschenbuch (in Englisch) verfügbar ist. Es enthält die Weiterführung ihrer bereits 2001 mit "Hunde" veröffentlichten Hypothese, dass der Hund auf und durch den Müllplatz zu einem domestizierten Tier wurde und der Müllplatz die natürliche ökologische Nische des Hundes sei.

Domestikation des Hundes erst vor 8.000 Jahren

Vor 7.000 bis 8.000 Jahren seien die ersten Hunde auf den Müllplätzen der Dörfer und Städte unserer ersten Ackerbauerkulturen entstanden. Die heutigen Straßenhunde oder "Village Dogs" seien die ursprünglichen und zugleich die natürlichen Hunde. Unsere bekannten Jagd-, Arbeits- und Begleithunde seien hingegen lediglich das Produkt "eugenischer" (!) Zuchtprogramme im Europa der letzten 200 Jahre. Überhaupt, so die Coppingers, gäbe es keine belastbaren Hinweise für Hundezucht älter als 2.000 Jahre. Dazu genügen ihnen Verweise auf die Bibel und Homer.

Kein bester Freund des Menschen

Für Ray Coppinger ist es, so wörtlich, ein hohles Statement, vom "besten Freund des Menschen" zu sprechen. Hunde seien nicht anders als Tauben, Hühner oder Ratten, alles "domestic animals" auf derselben Ebene. Der Hund habe lediglich den - so wörtlich Coppinger - Trick heraus, einen Menschen als Wirt für die Aufzucht seiner Welpen zu instrumentalisieren, um damit seinen Fortpflanzungserfolg zu erhöhen. Coppingers vergleichen dieses Verhalten ausdrücklich und wiederholt mit dem des Kuckucks. Sie stellen ferner die Behauptung auf, ein Hund würde wie eine Gans in seinen Lebenswochen 4 bis 14 auf ein beliebiges Objekt als Sozialpartner geprägt und - so wörtlich - sei es auch nur eine Milchkanne (diese Behauptung wird sogar im Summary wiederholt und durch vermeintliche Beobachtungen belegt). Es gäbe keinen genetischen Faktor für Zahmheit. Der ganze Tenor des Buchs unterstellt einen caniden Vierbeiner, dem jegliche emotionale oder kognitive Fähigkeit oder gar Verbindung zum Menschen abgesprochen wird - außer den hier dargestellten. Vielmehr wird ausführlich aufgelistet, welche Schäden der Hund anrichtet, dass zum Beispiel 70.000 Menschen im Jahr nicht an Tollwut sterben müssten und die Menschen besser schlafen könnten, würden Hunde von der Erde verschwinden (Seite 133).

Darcy Morey´s Idee von der ökologischen Nische Mensch

Nur wenigen Aussagen der Autoren von "What is a Dog?" kann der Rezensent zustimmen. Eine ist, dass sich der Hund selbst domestiziert habe. Dass der Hund sich die neue ökologische Nische, die durch den Menschen entstand, erschlossen habe, ist hingegen kein originärer Gedanke von Coppinger. Bereits 1994 hat der Archäologe Dracy F. Morey dieses Konzept der Erschließung der ökologischen Nische Mensch durch den Hund ausgeführt (1). Allerdings eben nicht mit dem zentralen und einzigen Element "menschlicher Abfall", wie es Ray und Lorna Coppinger tun, und eben ausgehend von einer Abstammung vom Wolf. Der emeritierte Biologie Professor Ray Coppinger behauptet zudem allen Ernstes, dass der Hund nicht vom Wolf abstamme, viel mehr dass dies angeblich "für alle Wissenschaftler unter uns" eine offene Frage sei.

Skurrile Ignoranz

Freilich lässt er offen, wer dann Stammvater und -mutter der Hunde seien. Hier deutet er diffus einen Prozess der Hybridisierung mit einer unbekannten Canis-(Sub-)Spezies als inneren Motor zur Erschließung der Nische menschlicher Müll an. Als biologische Funktionen der Evolution werden daneben lediglich Mutation, Founder Effekt und schließlich "postzygotic selection" angeführt, sprich, dass der Mensch aus den bereits geworfenen Welpen selektiert, welcher Welpe getötet und welcher weiterleben darf. Die Erkenntnisse der modernen Genetik etwa zur Epigenetik oder Paläogenetik werden vollständig ignoriert. Vielmehr werden alle wissenschaftlichen Disziplinen, die Erkenntnisse liefern, die dem Müll-Konzept zuwiderlaufen schlicht ignoriert oder als nicht relevant abgekanzelt.
Das spiegelt sich in den Quellenangaben im Buch wieder. Von 188 Quellen stammen ganze 8 aus den letzten 5 Jahren, nur wenige mehr aus den letzen 10 Jahren. Dabei haben gerade die letzten Jahre eine Menge handfester, wissenschaftlich solide begründeter Belege gebracht, was die Abstammung des Hundes und seine Fähigkeiten in Bezug auf uns Menschen angehen. Die ernsthafte Wissenschaft ist sich über die verschiedenen beteiligten Disziplinen (Archäologie, Biologie, Paläogenetik, Paläontologie, etc) hinweg längst einig, dass der Hund einzig vom Wolf abstammt. Man ist sich ebenfalls einig, dass die Trennung der beiden Linien erstmals vor 15.000 oder mehr Jahren stattgefunden haben muss. Man hat Gräber aus der Steinzeit, teils aus Epochen lange vor der Sesshaftwerdung, gefunden, in denen Menschen mit Hunden gemeinsam bestattet wurden. Es waren Hunde und keine Wölfe, Füchse oder Schakale. Soviel Ehre für einen Paria vom vermeintlich existierenden Müllplatz? Paläogenetiker wie ein Svante Pääbo vom MPI Leipzig können anhand der DNA sogar Unterformen fossiler Wölfe samt deren Alter sowie entsprechend fossile Hunde sicher bestimmen. Auch kann man immer genauer anhand der DNA rezenter Hunde und Wölfe den Stammbaum der Entwicklung nachzeichnen. Ein Schakal oder ein Fuchs kann als Ahne sicher ausgeschlossen werden. Das schert die Coppingers nicht.

Wo waren die Müllkippen der Steinzeit?

Die Coppingers machen sich nicht einmal die Mühe, auf die von ihnen unterstellten Müllberge der Jungsteinzeit vor 8.000 Jahren zu schauen. Die Archäologie liefert keinerlei Hinweise, dass die Menschen vor 7.000 oder gar 10.000 Jahren massenhaft Lebensmittel auf irgendeinen Müllplatz geworfen hätten. Ganz im Gegenteil, wurde Nahrung noch bis in die Neuzeit hinein sehr sorgfältig genutzt und kaum etwas Essbares - wie es heute leider üblich ist - einfach weggeschmissen. Was die sesshaften Menschen der Ackerbaukulturen nicht mehr selber aßen, bekamen die Schweine und Hühner - und eben auch die Jagd-, Wach- oder Schäferhunde. Die Sammler- und Jägerkulturen, die den Entwicklungsstand der Menschheit noch vor wenigen tausend Jahren in den meisten Gebieten der Erde repräsentierten, waren Meister in der Verwertung schlicht von allem, was die Beute hergab. Hier wurden selbst Knochen und Sehnen praktisch restlos verwertet. Knochen, die als Werkzeug, Rohling für Schnitzereien oder Baumaterial nicht taugten, wurden noch in der ausgehenden Eiszeit als Brennmaterial verwendet. Wie sollte sich da eine neue ökologische Nische auftun, die zumal so ergiebig sein musste, dass eine neue Subspezies entstehen und sich ganze Populationen dieser neuen Subspezies - woher auch immer kommend - bilden konnten? Coppingers legen detaillierte Berechnungen vor - aber welche? Ihr Ergebnis, dass 15 Menschen mit ihrem Müll einen Hund ernähren, basiert auf ihren Beobachtungen der Müllproduktion des heutigen Menschen, konkret von Megacities wie Mexiko, Städten wie Tijuana oder ostafrikanischen Dörfern auf Pemba. Von achtlos weggeworfenem Müll eines Jäger- und Sammler-Clans oder einer steinzeitlichen Ackerbauersiedlung konnte demgegenüber kein Hund je satt werden.

Wenn es diese Nische nicht war, dann eben eine andere...

Das Schlusswort dieser Rezension überlasse ich Ray and Lorna Coppinger selber: "Where there dogs before the age of agriculture? Probably not, but if there were, they adaptet to a different niche." (Seite 43)


Eine Rezension von Christoph Jung

(1) Morey, D.F. 1994. The Early Evolution of the Domestic Dog. American Scientist 82:336-347.


Donnerstag, 13. April 2017

Hunde können die Perspektive des Menschen verstehen

Als hochsoziale Wesen können wir Menschen uns in andere Menschen ein stückweit hineinversetzen. Wir können das Erleben des Anderen miterleben. Hier unterscheiden wir zwei Fähigkeiten: Empathie und TOM. Empathie ist das gefühlsmäßige Miterleben mit den Gefühlen anderer Menschen. TOM ist eine Abkürzung für "Theory of Mind" was die kognitive Fähigkeit meint, die Perspektive eines Anderen einzunehmen, quasi dessen Erkennen, Denken, Absichten mit- oder nachzudenken. Die Wissenschaft beharrte lange Zeit darauf, dass diese beiden Fähigkeiten ausschließlich dem Menschen vorbehalten seien. Inzwischen ist mehrfach nachgewiesen, dass auch Tiere wie Schimpansen, Raben oder Hunde Empathie empfinden können. Hunde leiden mit, wenn Herrchen oder Frauchen leiden, entsprechend freuen sie sich. Die Kognitionsbiologen der Veterinärmedizinischen Universität Wien um Ludwig Huber haben nun einen sehr starken Beleg geliefert, dass Hunde auch zu TOM in der Lage sind.

Empathie und Theory of Mind bei Hunden? 

Neuere Untersuchungen, die auf die Fähigkeit von TOM bei Hunden hinwiesen, waren bisher sehr umstritten. Huber und seine Mitarbeiter haben sich einen cleveren Versuchsaufbau ausgedacht, um diese Fähigkeit überzeugend auszuforschen. Sie verwendeten das Guesser-Knower-Paradigma, ein Standardtest in der Erforschung der Wissenszuschreibung (TOM), den sie weiterentwickelten.

Ich weiß, ob du was gesehen hast!

In der Standardversion gibt es immer zwei Personen, einen "Wissenden", der das Futter - für den Hund unsichtbar - unter eine von mehreren Schalen platziert oder weiß, wo es von jemand anderem platziert wurde, und einen "Unwissenden". Der Unwissende war beim Verstecken des Futters in Futterschalen entweder nicht im Raum oder hielt sich die Hände vor das Gesicht. Eine undurchsichtige Wand versperrt den Tieren die Sicht auf das Verstecken des Futters. Danach werden die beiden Menschen, der Wissende wie der Unwissende zu Informationsgebern, indem sie mit der Hand auf unterschiedliche Futterschalen zeigen. Etwa 70% der Hunde folgen dem Hinweis des "Wissenden". Das belegt, dass die Hunde beobachtet und erkannt hatten, wer die richtigen Informationen überhaupt haben konnte und dieses Wissen gezielt nutzten. Eine solche Untersuchung hatten neuseeländische Forscher bereits 2014 publiziert. Dies kann man als ersten Hinweis auf TOM werten. Eine solche Interpretation blieb aber in der Fachwelt umstritten.
Die Vierbeiner übernehmen die Perspektive, also die Blickrichtung des richtigen Informanten, um an verstecktes Futter zu kommen. Ludwig Huber/Vetmeduni Vienna
Ich weiß, was du gesehen hast!

Die Wiener Forscherinnen um Prof. Huber bestätigten zunächst einmal das Ergebnis aus Neuseeland. Dann setzten sie noch einen drauf. "Wissende" und "Unwissende" waren nun zwei Menschen, die in dieselbe Richtung schauten, aber an zwei verschiedenen Ecken standen. Es waren aber - anders in dem Versuchsaufbau der Forscher aus Neuseeland - diesmal beides "Sehende". Nur: Von der einen Ecke konnte der potenzielle Informant das Verstecken beobachten, von der anderen nicht; eine Frage der Sichtweise. Wieder war es so, dass das Verstecken selbst für die Hunde nicht einsehbar war. Sie konnten daher auch nicht unmittelbar sehen, dass ein Informant das Verstecken beobachten konnte. Doch sie konnten offenbar berechnen, welcher Informant das Verstecken beobachten konnte und wer nicht. Das heißt, sie mussten die Perspektive beider Menschen einnehmen können, um dann aus der Geometrie erschließen zu können, was wer sehen kann. 70% der Hunde hatten offensichtlich genau das getan und folgten dem "Wissenden".
Hunde beobachten uns genau und können erkennen, welcher Mensch einen Hinweis auf verstecktes Futter geben kann. Ludwig Huber/Vetmeduni Vienna
Coevolution von Mensch und Hund als Sozial- und Arbeitspartner

Aus Sicht des Autors dieses Artikels ist die Wiener Arbeit eine großartige Bestätigung für die Fähigkeit zu TOM und zwar sogar interspezifischer TOM. Die Hunde konnten sich in die Sichtweise einer anderen Spezies, des Menschen, hineindenken und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Dabei gingen sie wie selbstverständlich davon aus, dass der Mensch ihnen wohlgesonnen ist, ihnen hilft und sein Wissen an den Hund korrekt weitergibt. Der Versuch ist ein weiterer Beleg für die besondere Qualität der Bindung zwischen Mensch und Hund. Der Hund ist eben nicht lediglich ein Paria, ein an der Müllkippe zahm gewordener Wolf. Der Hund hat eine weit über 15.000-jährige Geschichte der Coevolution mit dem Menschen hinter sich, ist dessen Sozial- und Arbeitspartner geworden. Der Hund hat sich freiwillig und aktiv domestiziert und domestizierte dabei auch ein stückweit den Menschen, so dass dieser neurobiologisch in die Lage versetzt wurde, höhere Kulturen und größere soziale Strukturen zu entwickeln und das schon lange vor seiner Sesshaftwerdung.

Ein Beitrag von Christoph Jung

Links:
zu den Hintergründen und Studien des Autors zum Thema Coevolution:
  • Vortrag:
    3. Rostocker Vierbeinersymposium "Wissenschaft trifft Hund - Der Wolf. Der Hund. Der Mensch." am 17.Juni 2017 (in Zusammenarbeit des Vierbeinerforums mit dem NABU und der Universität Rostock)
  • Artikel in der aktuellen Ausgabe 27 von SitzPlatzFuss
    "Koevolution von Mensch und Hund"
  • Bericht im Spiegel 11/2017 und online (Spiegel Plus)
  • "Tierisch beste Freunde - Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" von Daniela Pörtl und Christoph Jung
  • Poertl D., Jung C. "The domestication from the wolf to the dog is based on coevolution." Dog Behavior Vol 2, No 3 (2016) DOI: http://dx.doi.org/10.4454/db.v2i3.44 (peer-reviewed)


Donnerstag, 23. März 2017

Lundehund: Systematische Tierquälerei in der Hundezucht

Die Population des aus Norwegen stammenden Lundehundes ist von einer schwerwiegenden Erbkrankheit gebeutelt, dem Lundehundsyndrom (Petwatch berichtete). Es ist ein qualvolles, meist tödliches Dahinsiechen, das die kleinen Hunde bereits in jungen Jahren ereilen kann. Die Tierärztliche Hochschule Hannover beschreibt das Lundehundsyndrom wie folgt: "Das Lundehundsyndrom ist eine schwerwiegende gastro-enteropathische Erkrankung für die der Lundehund eine Rassendisposition besitzt. Das Syndrom umfasst chronisch-entzündliche Defekte des Darms, Proteinverlust-Enteropathien (PLE), Lymphgefäßausweitungen im Darm sowie Magenprobleme. Betroffene Hunde reagieren unterschiedlich stark auf die Störungen im Magen-Darmtrakt mit Erbrechen, Durchfall, Gewichtsverlust bis hin zur Apathie. Eine Euthanasie ist in schweren Fällen bzw. bei einem anhaltenden chronischen Verlauf der Erkrankung häufig unumgänglich."
Professor Distl von der TiHo Hannover hat 2016 einen Gentest für die erbliche Disposition auf das Lundehundsyndrom entwickelt (Danke an Prof.Distl!). Damit könnten Hunde mit dieser Erbkrankheit zuverlässig identifiziert und aus der Zucht genommen werden. Somit hat man endlich ein wirkungsvolles Instrument, um die Hunde vor dieser "Seuche" zu schützen und die Hunderasse insgesamt vor einem qualvollen Dahinsiechen und schließlich Aussterben zu retten.

VDH-Verein lässt Zucht mit Lundehundsyndrom zu

Wer meint, die Züchterschaft würde das freudig annehmen und umsetzen, sieht sich leider getäuscht. In Foren wird stattdessen deutlicher Unmut zum Ausdruck gebracht. Gegen Befürworter dieses Tests wird in üblicher Manier unter der Gürtellinie gehetzt. Soweit bekannt, ist der Test bis heute keine Auflage für eine Zuchtzulassung im zuständigen VDH-Zuchtverein "Deutscher Club für Nordische Hunde e.V." (DCNH). Ein negatives Ergebnis, das heißt der Nachweis des Fehlens dieser gefährlichen Erbanlage, ist offenbar unbedeutend für die Zucht! Wie Lundehund-Expertin Nicole Kamphausen aufdeckt, wird sogar weiterhin mit Hunden gezüchtet, von denen bekannt sein soll, dass sie Träger des Gendefektes für das Lundehundsyndrom sind. Bei der Auflistung der VDH-Deckrüden ist ganz allgemein keinerlei Hinweis auf den Status hinsichtlich dieser Seuche zu finden.

Gentest wird ignoriert

Offenbar meint die Züchterschaft des Lundehundes im DCNH, den Gentest von Professor Distl einfach ignorieren zu können und „Business as usual“ weiterhin mit erbkranken Hunden das Zuchtgeschäft betreiben zu können. Das werden wir zu verhindern suchen! Aus hiesiger Sicht handelt es sich hier um einen bewussten und systematisch betriebenen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, das die Zucht ausdrücklich verbietet, wenn mit Leiden für die Tiere zu rechnen ist. Das ist eindeutig der Fall, wenn fahrlässig oder gar bewusst einfach weiter mit Carriern für das Lundehundsyndrom vermehrt wird. Es ist ein Tierschutzskandal erster Güte, wenn der Zuchtverein und der VDH diesem Treiben tatenlos zuschauen. Zudem verstößt diese Praxis im VDH-Verein DCNH gegen das eigene Statut des VDH (§2). Man kann es als Mahnung und Warnung verstehen: Wir werden alle strafrechtlichen und zivilrechtlichen Mittel einsetzen, um die Personen zur Rechenschaft zu ziehen, die sich fahrlässig oder bewusst der weiteren Verbreitung des Lundehundsyndroms schuldig machen!
  • Zuchtordnung des VDH §2:
    "Sämtliche Zuchtmaßnahmen müssen zum Ziel haben, ...  erbliche Defekte durch geeignete Zuchtprogramme zu bekämpfen. Zur Bekämpfung erblicher Defekte ist ein Vorgehen nach einem Phasenprogramm erforderlich.
    "
  • Tierschutzgesetz § 11b:
    "Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten..., wenn damit gerechnet werden muss, dass bei der Nachzucht, ... erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten.
Der Lundehund ist zwar nur eine zahlenmäßig unbedeutende Hunderasse, aber er steht beispielhaft für die eklatanten Missstände in Teilen der Hundezucht Deutschlands und der EU. Er symbolisiert eine skrupellose, tierquälerische Praxis selbst innerhalb von VDH-Vereinen, die die ganze, um das Wohl und die Fitness ihrer Hunde bemühte, seriöse Züchterschaft sowie die Rassehundezucht insgesamt in Verruf bringt.

Rassehundezucht: Schwarze Schafe der Zucht bekämpfen!

Der Lundehund ist es wert, erhalten zu werden. Wer sich um diese Hunde kümmert, weil er sie liebt, wird alles tun, damit sie ein gesundes, schönes Leben führen können. Dazu zählt zwingend, dass mithilfe des Gentests von Professor Distl die Seuche des Lundehundsyndroms systematisch ausgerottet und umgehend ein entsprechendes Phasenprogramm auf den Weg gebracht wird.

Wir appellieren an:
  • ... den DCNH, als Sofortmaßnahme unverzüglich ein negatives Ergebnis auf den Gentest der TiHo Hannover auf das Lundehundsyndrom zur Bedingung für eine Zuchtzulassung bei den Lundehunden zu machen.
  • ... den VDH, sein eigenes Statut umzusetzen und zusammen mit dem DCNH ein Programm zur systematischen Bekämpfung des Lundehundsyndroms auszuarbeiten und dessen Umsetzung zu kontrollieren (Phasenprogramm, siehe Offener Brief an den VDH). Bis dahin soll entsprechend dem Beispiel des Österreichischen Kynologenverbandes, ein negatives Ergebnis im Gentest zur Bedingung für eine Zuchtzulassung gemacht werden.
  • ...die Tierärzteschaft, sich nicht zum Komplizen für solche Tierquälerei zu machen, vielmehr die "Züchter", die mit nicht negativ getesteten Hunden vermehren, die Zusammenarbeit zu verweigern und zur Anzeige zu bringen. Die Bundestierärztekammer wurde informiert.
  • ... die Welpenkäufer des Lundehundes, nur Welpen von Züchtern zu kaufen, bei denen beide Elterntiere einen negativen Test vorweisen können.




 
Petwatch Blog