Freitag, 9. September 2016

Gendefekt beim Lundehund nachgewiesen

Das Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover (THH) hat die genetisch basierte Veranlagung für das Lundehundsyndrom wissenschaftlich zweifelsfrei nachgeweisen. Es hat ferner einen Gentest für das Lundehundsyndrom entwickelt und einsatzfähig gemacht. Das ist ein großer Fortschritt für die Zucht dieser besonderen und seltenen Hunderasse. Es kann die Hunderasse, die aufgrund von extremer Inzucht und ihrer genetischen Verseuchung mit der Veranlagung für das Lundehundsyndrom gebeutelt ist, vor dem drohenden Aussterben retten.

Rettung des Lundehunds nun möglich

Das Lundehundsyndrom ist eine schwerwiegende, nicht selten qualvolle Krankheit. Die Tierärztlichen Hochschule beschreibt das Lundehundsyndrom wie folgt: "Das Lundehundsyndrom ist eine schwerwiegende gastro-enteropathische Erkrankung für die der Lundehund eine Rassendisposition besitzt. Das Syndrom umfasst chronisch-entzündliche Defekte des Darms, Proteinverlust-Enteropathien (PLE), Lymphgefäßausweitungen im Darm sowie Magenprobleme. Betroffene Hunde reagieren unterschiedlich stark auf die Störungen im Magen-Darmtrakt mit Erbrechen, Durchfall, Gewichtsverlust bis hin zur Apathie. Eine Euthanasie ist in schwere Fällen bzw. bei einem anhaltenden chronischen Verlauf der Erkrankung häufig unumgänglich."

Lundehundsyndrom durch Mutation verursacht

Das Lundehundsyndrom wird durch eine Mutation im Gen LEPREL1 verursacht, wie die THH nachweisen konnte. Mit dem Test auf diese Mutation hat man endlich ein verlässliches Instrument in der Hand, diese Krankheit mit einem Gesundzuchtprogramm nach und nach aus der Zuchtpopulation zurückzudrängen. Laut Statuten des VDH sind die ihm angeschlossenen Zuchtvereine auch verpflichtet, solche Zuchtprogramme aufzulegen.

Unter anderem heißt es in der Zuchtordnung des VDH §2:
"Sämtliche Zuchtmaßnahmen müssen zum Ziel haben, ...  erbliche Defekte durch geeignete Zuchtprogramme zu bekämpfen. Zur Bekämpfung erblicher Defekte ist ein Vorgehen nach einem Phasenprogramm erforderlich."

Zudem verbietet bereits das geltende Tierschutzgesetz in § 11b die Zucht mit solchen schwer erbkranken Tieren:
"Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten..., wenn damit gerechnet werden muss, dass bei der Nachzucht, ... erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten." Werden künftig Lundehunde ohne Gentest auf Veranlagung für das Lundehundsyndrom gezüchtet so kann man von einem Verstoß gegen das Tierschutzgesetz sprechen, der auch entsprechend zur Anzeige gebracht werden muss.

Zucht ohne Gentest und Gesundzuchtprogramm ist Tierquälerei

Bisher haben sich die meisten Züchter des Lundehundes nicht durch ein Interesse an dem Wohl und der Gesundheit des Lundehundes hervorgetan. Das Interesse an der gewinnbringenden Vermarktung der Welpen scheint alles zu dominieren. So wurde die extrem hohe Inzucht beim Lundehund dem Umstand angedichtet, dass es angeblich nur ein Gründungspaar gegeben habe. Es ist ein Nebeneffekt der Forschungen unter Prof.Dr. Ottmar Distl, dass dieser Flaschenhals definitiv in das Reich der Züchterlegenden verbannt werden kann. Tatsache ist, dass allein die auf kurzsichtige Profitgier ausgerichtete Zucht dieser einmaligen Hunde diesen extremen Inzuchtgrad zu verantworten hat.

Der Lundehund ist es wert, erhalten zu werden

Der Lundehund ist ein ganz besonderer und zudem einmaliger Hund. Lunde ist der norwegische Name für den Papageientaucher, der an manchen Küsten Norwegens in großen Schwärmen brütet. Früher war die Jagd auf den Lunde ein wichtiger Teil der Nahrungsversorgung der Einheimischen. Hierbei entstand der Lundehund als Jagdhelfer. An den schroffen Küsten der Nordsee musste er die Vögel aus ihren engen Höhlen holen. Diese brüten in tiefen und engen Höhlen an den steilen, unzugänglichen und schroffen Felshängen über der kalten Meeresbrandung. Diese speziellen Anforderungen ließen einen Hund entstehen, der zahlreiche anatomische Besonderheiten aufweist. Auf diese Besonderheiten geht Lundehund-Expertin Nicole Kamphausen auf Petwatch ein:

"Norwegischer Lundehund - FCI Gruppe 5, Section 2, 265 - Der Name 'Lundehund' leitet sich ab von dem Lundevogel (Fatercula arctica-artica). Er gilt als eine der Welt seltensten Hunderassen.
Der Grund hierfür ist nicht nur in der weltweit geringen Population zu sehen, sondern insbesondere in der Tatsache, dass sich eine Anzahl seltener anatomischer Besonderheiten in derselben Rasse vereinigen. Einige dieser Merkmale finden sich bei anderen Hundeformen nur sporadisch. An jedem Fuß sind vornehmlich sechs Zehen ausgebildet, wobei oft eine siebente Zehe im Ansatz vorkommt.
Er kann die Ohren so verschließen, dass der Gehörgang vor Staub und Feuchtigkeit geschützt ist; er hat Genickgelenke, die ihn in die Lage versetzen, seinen Kopf zurückzubeugen, so dass der Scheitel den Rücken berührt. Dies hat sich evolutionär deshalb so in der Wirbelsäule entwickelt, weil es für den hochspezialisierten Hund dann praktisch und lebensrettend sein kann, wenn er sich auf der Jagd in engen Erdgängen mit der Beute im Maul umdrehen muss. Darüber hinaus verfügt er über außergewöhnlich bewegliche Schultergelenke, die ihm ermöglichen, die Vorderbeine vollkommen zur Seite zu führen.
"

Lundehund, ein einzigartiger Hund

Der Lundehund zeichnet sich neben diesen Besonderheiten als umgänglicher Familienhund aus, der auch ein verlässlicher Gefährte der Kinder ist. Der Lundehund, gesund gezüchtet, ist ein wunderbarer Begleiter. Es ist maßgeblich Nicole Kamphausen, selbst vom Lundehundsyndrom gebeutelte Halterin, zu verdanken, dass dieser grundlegende Fortschritt in der Forschung nun gemacht und zugleich ein Gentest für die praktische Anwendung in der Zucht zur Verfügung gestellt werden konnte. Nicole Kamphausen hat sich seit vielen Jahren engagiert für die Rettung dieser Hunderasse eingesetzt und musste dabei viele Verleumdungen, Beleidigungen bis hin zu handfesten Bedrohungen aus der Zuchtszene einstecken. Von dieser Stelle aus meinen herzlichen Dank an Nicole für dieses tolle Engagement!

  • Der VDH und die Züchter des Lundehundes sind nun am Zuge, endlich ein wirksames Gesundzuchtprogramm für die Rettung des Lundehundes aufzulegen, umzusetzen und zu kontrollieren. Hierzu zählt die Verpflichtung zur flächendeckenden Anwendung des nun entwickelten Gentests auf die Veranlagung zum Lundehundsyndrom.
  • Auch die Käufer von Welpen stehen in der Pflicht. Bitte kaufen Sie ab sofort nur Welpen von Züchtern, die sich nachweislich an einem Gesundzuchtprogramm beteiligen und Ihnen unter anderem auch die Ergebnisse der Gentests der Elterntiere ungefragt vorlegen. Auch die Welpen sollte auf Veranlagung für das Lundehundsyndrom getestet sein.
  • Von der Rechtslage her muss man ab sofort davon ausgehen, dass jede Zucht des Lundehundes ohne oder mit positivem Befund des Gentests und ohne Gesundzuchtprogramm gegen das geltende Tierschutzgesetz verstößt und damit strafbar ist. Möglicherweise kommen weitere Straftatbestände wie Betrug hinzu.
Ein Artikel von Christoph Jung

Sonntag, 14. August 2016

Dokumentarfilm „Freund oder Feind“ über die Ambivalenz der Mensch-Hund-Beziehung

Ende Juli war Premiere in Köln. Als Mitwirkender hatte ich Gelegenheit, vorab eine erste Version dieses Films anzuschauen. Die Filmemacherin Ruth Stolzewski lässt Prof. Dr. Kurt Kotrschal vom Wolf Science Center, die Populationsgenetikerin Prof. Dr. Irene Sommerfeld-Stur, die Ärztin und Buchautorin Daniela Pörtl sowie meine Person den roten Faden durch ihre Dokumention ziehen. Als Mitwirkender ist man nicht neutral. Trotzdem meine ich guten Gewissens sagen zu können, dass wir es mit dem derzeit besten Film zum Thema Mensch-Hund zu tun haben.

„Freund oder Feind“ beleuchtet die Wurzeln und die Entwicklung der besonderen Beziehung von Mensch und Hund. Der Film ist ein spannender Streifzug durch deren zahlreiche Facetten. Wir erleben Birgit Krüger, an MS erkrankt, mit ihrem Behindertenbegleithund Ragnar, einem so genannten Kampfhund. Wir dürfen daran teilhaben, wie Ragnar nicht nur praktische Dinge erleichtert, vielmehr durch die innige Beziehung der beiden das Leben schlicht lebenswerter macht.
Es ist immer wieder faszinierend, wenn man Border Collies bei der Arbeit zuschauen kann. Wir dürfen es. Border Collie Trainer Dr. Martin Solbach zeigt die Arbeit dieser Hütehunde mit Schafen, die zusammen mit dem Hirten eine Trilogie bilden, wie Solbach auf Basis seiner langjährigen Erfahrung plastisch erklärt. Hier wird angedeutet, welch große Bedeutung der Hund für die Menschheit bei der Herausbildung der Viehhaltung hatte. Kurt Kotrschal zieht diesen Bogen zum Wolf und dem Erfolg, den das gemeinsame Jagen mit dem Menschen nach sich zog. Daniela Pörtl beleuchtet die neurobiologischen Mechanismen, die die Annäherung der beiden Spezies erst möglich machten und noch heute für die einzigartige Bindung untereinander sorgen. Sie bringt uns die Besonderheiten dieser Verbindung zweier Spezies nahe und warum das überhaupt funktionieren kann.
In der Schweiz spricht die Regisseurin mit Experten von der Albert-Heim-Stiftung der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft und dem Naturhistorischen Museum Bern. Deren Präsident, Dr. med. vet. Andrea Meisser, führt durch eine Ausstellung zu Barry, dem Bernhardiner, der in den Alpen vor 200 Jahren nachweislich 40 Menschen das Leben rettete. Barry stehe als Symbol für die Arbeitsleistung der Hunde im Dienste des Menschen. Dr. Marc Nussbaumer, Kurator im Naturhistorischen Museum mit der größten Hundeschädelsammlung der Welt, zeigt die Verfehlungen der modernen Zucht anhand des Schädels beim Bernhardiner. Nussbaumer ist überzeugt, dass der Mensch nach dem Motto "can do will do", ohne Zögern alles realisieren würde, was züchterisch machbar sei und für diese Qualzuchtprodukte auch reichlich Abnehmer finden würde (Das sind auch wir tierliebenden Deutschen). Zu diesem Thema lässt Ruth Stolzewski noch weitere interessante Akteure - auch Hundegegner - sprechen.
Filmemacherin Ruth Stolzewski und ihr Team im Wolf Science Center
Die Regisseurin schreibt über einen Drehtag in Belgien: "Am letzten Tag waren wir in Belgien um dort mithilfe von Sandra Wucherpfennig von der Tierhilfe Belgien die schrecklichen Missstände in unserem Nachbarland zu dokumentieren. Im Mittelpunkt der EU werden massenweise Hunde in Welpenfarmen völlig legal produziert und verramscht und tausende gesunde Hunde in Tierheimen eingeschläfert, wenn sie nach 2 Wochen keinen neuen Besitzer finden. Ein Tierschutzskandal, von dem nur wenige wissen!" Man braucht nicht nach Rumänien oder Spanien zu gehen. Das von Menschen aus Profitgier erzeugte Elend der Hunde liegt direkt im Herzen der Europäischen Union! Industrielle Massenproduktion von Hunden und zugleich massenweise Exekutionen gesunder Hunde in Tierheimen sind die Realität am Sitz der EU-Kommission, am Sitz des EU-Parlaments, am Sitz der EU-Bürokratie mit hoher Produktivität an Vorschriften. Doch es gibt keinerlei Regularien zur Hundezucht, dafür industrielle Hundeproduktion und zugleich massenhafte Euthanasie gesunder Hunde - mitten in der EU. Wohl kein Zufall: das nennt der Ökonom einen schnellen Warenumschlag.
"Apollo", Hamburg 2000: ohne Not mit 8 Schüssen von einem Polizisten niedergestreckt und nach 1 Stunde Todeskampf euthanasiert.
„Freund oder Feind“ erinnert an eines der dunkelsten Kapitel der Mensch-Hund-Beziehung in Deutschland: das Pogrom gegen Hunde im Jahr 2000. Roswitha Murrweiss vom Verein Listenhunde-Nothilfe e.V. lässt diese schlimme Zeit für Hunde und Hundefreunde aufleben. Sie belegt, dass die Hamburger Behörden wissentlich zuschauen, wie sich ein 17fach vorbestrafter Gewalttäter um die gerichtlichen Auflagen nicht schert und seine scharf gemachten Mischlinge unangeleint und ohne Maulkorb in der Nähe eines Spielplatzes laufen lässt. Nachdem diese Hunde den kleinen Volcan tot gebissen hatten, dauerte es nur ganze zwei Tage bis die Gesetze gegen Hunde raus waren. Von den eigentlichen Ursachen, von der beschönigenden, fast komplizenhaften Ignoranz der Behörden gegenüber der Kriminalität eines bestimmten Klientels sollte abgelenkt werden. In ganz Deutschland wird, maßgeblich von den Grünen und der Bild-Zeitung angeheizt, eine pogromartige Stimmung gegen Hunde entfacht. In Hamburg werden unauffällige Familienhunde aus Wohnungen geholt und euthanasiert. In vielen weiteren Bundesländern werden (stümperhafte) Rasselisten erstellt und damit Hundeschicksale besiegelt. Wir sollten das nie vergessen! Es zeigt, wie schnell und einfach eine solche Stimmung entfacht werden kann und wie skrupellos dies durch Politiker und Medien instrumentalisiert wird.
Foto: Gerd Schuster
Großes Kompliment auch an Gerd Schuster vom Hundezentrum Mittelfranken. Der Hundekenner hat mit der Videokamera den Balkan auf den Spuren der Straßenhunde bereist. Er berichtet, dass Straßenhunde von den meisten Menschen, teils sogar freundlich zugewandt, akzeptiert werden. Schuster fragt, ob wir im vermeintlich hundefreundlichen Deutschland auch so freundlich mit Straßenhunden umgehen würden. Würde eine Mutter ihr Kind einen wildfremden Streuner streicheln lassen? Er erinnert daran, dass freilaufende Hunde auch in Deutschland noch vor wenigen Jahrzehnten zum Straßenbild zählten. Schuster fürchtet, dass sie heute keine Akzeptanz mehr in Deutschland hätten.

„Freund oder Feind“ lässt uns anhand der vielen plastischen Berichte tief in die Ambivalenz der Mensch-Hund-Beziehung blicken. Er lässt uns miterleben, durch die Experten untermauert, dass Mensch und Hund seit der Steinzeit eine enge Verbindung eingegangen sind, die bis heute lebendig ist. Wir sehen, was für ein Plus an Lebensqualität diese Beziehung gewinnen lässt - und welche Verantwortung wir für den Hund haben. „Freund oder Feind“ zeigt noch viele weitere Facetten und lässt noch eine Reihe interessanter Leute zu Wort kommen. Spannend, informativ und sachlich ergreift er Partei für den Hund.

Leider müssen wir uns noch etwas gedulden: "Freund oder Feind" wird erst ab Dezember als Video on Demand und auf DVD erscheinen.

Ein Kommentar von Christoph Jung


Bildnachweis: soweit nicht anders bezeichnet sind alle Fotos Screenshots aus der aktuellen Fassung des Dokumentarfilms „Freund oder Feind“ - mit freundlicher Genehmigung von Ruth Sophie Stolzewski

Freitag, 22. Juli 2016

Kam der Hund von der Müllkippe?

Sie ist eine der spannensten Fragen überhaupt: wie entstand der Hund? Warum und wie fanden Steinzeitmenschen und Wölfe, damals unmittelbare Wettbewerber im Kampf ums Überleben, zusammen? Wie kam es zu dieser wundersamen Wende, wo schließlich aus dem Konkurrenten unser bester Freund wurde? Eine der Antworten ist die Müllkippe. So sieht es jedenfalls der Biologie-Professor Raymond Coppinger (1).

Modell der Domestikation des Hundes an der Müllkippe

Mit der Sesshaftwerdung des Menschen seien die ersten Müllberge entstanden. Hieran hätten sich Wölfe bedient. In der ökologischen Nische "Müllplatz des Menschen" sei es zu einem Prozess der Selektion auf Zahmheit gekommen, so Coppinger. Zahmere Exemplare wären vom Menschen geduldet worden. Sie hätten einen Überlebensvorteil gehabt, da sie die Ressource "menschliche Abfälle" besser nutzen konnten. Aggressivere Wölfe seien von den Menschen vertrieben worden. Über diese Selektion auf Zahmheit habe sich der Wolf quasi selbst zum Hund domestiziert. Auf dem Canine Science Forum 2016 in Padua stellte die Verhaltensbiologin Dr. Frederike Range von der Uni Wien einige neue Gedanken zum Modell einer Domestikation des Hundes an der Müllkippe vor (2). Range sieht wie Coppinger den Effekt der Selektion auf Zahmheit an der Müllkippe des Menschen. Sie stellt davor aber eine Veränderung in den mentalen Fähigkeiten des Wolfes durch die veränderte Ernährungssituation. Aus dem kollektiven Jäger Wolf sei in der Nahrungsnische Müllplatz der individuell arbeitende Aasfresser Hund entstanden. So habe sich die gesamte soziale Struktur verändert. Das zeige sich etwa in der Aufzucht der Jungen, die nicht mehr gemeinschaftlich erfolgte, am Verlust innerspezifischer Toleranz sowie verminderter Fähigkeit, sozial zu kooperieren. Die mentalen Veränderungen, die heute den Hund ausmachen seien weniger durch die Interaktion mit dem Menschen verursacht, als durch die veränderte Methode der Nahrungsbeschaffung in der Nische Müllplatz.
Freilaufende, scheinbar herrenlose Hunde - das typische Bild rund um den Globus und früher auch in Deutschland
(c) Foto: Silvia Bosse
Hunde lieben es, im Müll zu stöbern und nach Fressbarem zu suchen. Noch vor einer Generation liefen Hunde überall in den Städten und Dörfern Mitteleuropas unangeleint herum und prüften jede Ecke nach Fressbarem. Das war ganz normal. Auch menschliche Hinterlassenschaften werden zuweilen gefressen. In weiten Teilen der Erde ist das scheinbar freie Leben der Hunde heute noch verbreitete Praxis. Rein quantitativ gibt es wesentlich mehr Hunde, die - zumindest teilweise - von der Müllverwertung leben, als die betüddelten Couch-Potatoes unserer Breiten. Doch entstand so der Hund?

Müllkippen der Menschheit

Wenn die ökologische Nische Müllkippe Grundlage der Hundwerdung sein soll, stellt sich zunächst einmal die Frage: wann und wo gab es überhaupt menschliche Müllkippen? Hier können Archäologen Auskunft geben. Müllkippen finden sie bereits in der Altsteinzeit (3). Meist sind es Reste von Steinwerkzeugen, beschädigte Pfeilspitzen oder die Abfälle aus der Produktion der Faustkeile oder Pfeilspitzen. Zum Teil werden Reste von Holzkohle gefunden. Eher selten findet man die Reste von Mahlzeiten. Die Spuren an den Knochen stammen meist von Schneid- oder Schabewerkzeugen. Zuweilen findet man auch Knochen, an denen noch Fleisch war, so dass Archäologen nicht von Menschen stammende Nagespuren feststellen. Diese stammen von allen zu jener Zeit aktiven Beutegreifern etwa Hyänen, Bären, Wölfen, Großkatzen, Schakalen oder Füchsen. Es gibt keinen Bericht über vorgeschichtliche Müllkippen, bei denen von Verbiss-Spuren speziell durch Wölfe berichtet wird. Das spricht nicht für die Evidenz einer Domestikation an der Müllkippe.

Steinzeitmenschen hinterließen kaum Müll

Die Steinzeitmenschen verwendeten von dem erlegten Wild praktisch alles: neben dem Muskelfleisch sämtliche Innereien, das Hirn, die Sehnen, Knochen, Horn, Häute und Felle. Die Mammut-Jäger der Eiszeit bauten ihre Hütten aus den Stoßzähnen und großen Knochen der Mammuts und bespannten diese mit deren Fellen. Regelmäßige Müllkippen aus Nahrungsresten der eiszeitlichen Jäger sind nicht belegt. Hie und da brachte es das Jagdglück mit sich, dass mehr Wild erlegt wurde, als man verwerten konnte. Wenn es die Jahreszeit forderte, dass der Clan weiterziehen musste und nicht alles mitnehmen konnte, so musste man den Rest zurück lassen. Das waren aber seltene Ereignisse, die im Nahrungsangebot der Kaltsteppen nicht mehr Gewicht hatten, als das Aas eines natürlich verendeten Tieres. Anthropologie-Professorin Pat Shipman hat die ältesten altsteinzeitlichen Lager von Mammutknochen untersucht (4). Man findet hier die Spuren der Steinwerkzeuge mit denen die Menschen das Fleisch abgetrennt hatten. An manchen Orten findet man die Reste von Dutzenden Mammuts. Ob dies ein Schlachtplatz war oder eine Ansammlung natürlich zu Tode gekommener Tiere, ist für die einzelnen Fundorte nicht geklärt. In der vor 40.000 Jahren schlagartigen Anhäufungen solcher Funde sieht Shipman allerdings eine Folge des verbesserten Jagderfolgs durch die ersten Kooperationen von Mensch und Protohund. Signifikant hohe Nagespuren von Wölfen oder (Proto-) Hunden werden jedenfalls auch hier nicht berichtet. Wenn die Hunde von dem erlegten Wild etwas abbekommen haben, so werden sie ihren Knochen mit etwas Fleisch eher etwas abgelegen vom Lagerplatz verzehrt haben. Hunde wollen dabei nicht gestört werden. Ein wolfsnaher, kräftiger Protohund wird von seinem Knochen zudem kaum etwas übrig gelassen haben.
29.000 Jahre alter Hundeschädel, dem man einen Mammutknochen ins Maul gelegt hat: Dank an einen verdienten Jagdpartner? Anthropos Museum, Brno, mit freundlicher Genehmigung Mietje Germonpré.
Aus deutlich späterer Zeit - wir sind aber immer noch in der Steinzeit - gibt es eine Reihe detailliert beschriebener Müllkippen. Selbst hier finden sich keine Berichte von gehäuftem Hunde-/ Wolfsverbiss. Auch jetzt noch landete kaum ein verwertbarer Knochen mit Fleisch auf dem Müll. Das ist eine Erscheinung der jüngsten Neuzeit. Der Archäologie-Professor Mike Parker Pearson interpretiert den zusammenhängenden Oberschenkelknochen eines Rinds, der bei Stonehenge gefunden wurde:
"Hier hängen die Knochen noch zusammen. So etwas passiert nur bei großen Festgelagen. Wenn alle schon satt sind, landet auch mal ein noch essbares Stück Rinderbein auf dem Abfallhaufen. Wer Hunger hat oder seinen Fleischkonsum rationieren muss, lässt nur vereinzelte, gründlich abgenagte Knochen zurück." (5) Diese Aussage bezieht sich bei einem Alter der Fundstelle von maximal 5.000 Jahren auf eine vergleichsweise späte Zeit der Menschheitsentwicklung. Da waren Hunde bereits seit mehr als 20.000 Jahren domestiziert. Wir sprechen hier also von einem Zeithorizont, der weit später liegt, als einer, der mit dem Modell der Hundwerdung auf der Müllkippe vereinbar wäre.
6.000 Jahre alte Felsmalerei aus einer Kaltzeit der Sahara (Tassili n'Ajjer)
Hunde gab es lange vor der Sesshaftwerdung des Menschen

Kontinuierlich vorhandene Müllkippen setzen die Sesshaftigkeit des Menschen und zudem relativ große Gruppen voraus. Die ältesten Hinweise auf eine Sesshaftwerdung des Menschen stammen aus der Levante des Mittleren Ostens und sind etwa 12.000 Jahre alt. Es gibt heute keinen ernsthaften Wissenschaftler mehr, der erst so spät die Entstehung der ersten Hunde datiert. Genetische und archäozoologische Analysen bestimmen den Zeithorizont auf mindestens 18.000 bis gut 40.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung (6). Hinweise auf eventuelle mehrfache Domestikationen des Wolfes unabhängig voneinander spielen dabei für die Bewertung des Modells der Domestikation des Hundes an der Müllkippe keine Rolle.

Hunde wurden als Jagdbegleiter, Wächter, Beschützer, Transportmittel domestiziert

Darüber hinaus gibt es eine Fülle von archäologischen Belegen, die den Hund weit vor der Sesshaftwerdung des Menschen sehen. Die Ritzungen und Höhlenzeichnungen der Altsteinzeit sind ebenfalls weit älter und zeigen meistens Hunde und Menschen in Jagdszenen. Vereinzelt gibt es Darstellungen von Hunden an Lagerplätzen, eine Darstellung im Kontext Müllplatz fehlt. Wir kennen steinzeitliche Gräber mit gemeinsamen Bestattungen von Hunden und Menschen wie das Doppelgrab von Oberkassel, wo zwei Menschen mit einem Hund in der Mitte beerdigt wurden. Auch hier ein klarer Befund: es ist bereits ein richtiger Hund und kein Wolf oder eine Übergangsstufe dazwischen; das Alter liegt bei 14.700 Jahren (7). Auch das belegt nicht gerade die Evidenz einer Domestikation an der Müllkippe. Dass sich Menschen mit Hunden begraben lassen, oder Hunde ein eigenes Grab erhalten haben, ist über mehrere Kontinente hinweg archäologisch vielfach belegt (8). Es ist kaum vorstellbar, dass sich die Menschen diese Arbeit machten, einem Tier eine solche Ehre erweisen, wenn es lediglich ein geduldeter Aasfresser an der Müllkippe gewesen wäre.

Hunde wurden bereits in vor- und frühgeschichtlicher Zeit als Arbeitspartner geehrt

Aus vorgeschichtlicher Zeit kennen wir die Grabmähler, Felszeichnungen und andere Hinweise auf die gemeinsame Jagd von Hund und Mensch. Treten wir nun in die geschichtliche Zeit der Menschheit ein, so gibt es sofort auch die ersten detaillierten Beschreibungen des Hundes. Auch hier seine Dokumentation als Arbeitspartner des Menschen, als Jagdbegleiter, Wächter, Beschützer, Zugtier, Motor zum Antrieb von Geräten oder Helfer der Hirten. Der große griechische Philosoph und Begründer der Biologie, Aristoteles, beschreibt ausführlich den Hund seiner Zeit vor 2.500 Jahren samt Aufzucht, Pflege, Krankheiten und seiner Einteilung in sieben Hunderassen. Auch hier dasselbe Bild der Arbeitsaufgaben der Hunde (9). Er, wie auch die alten Ägypter, belegen darüber hinaus die Existenz von kleinen Hunden, die als Begleiter, als Schoßhund, als Spielpartner der Kinder gezüchtet wurden. In den überlieferten Gesetzeswerken der Germanen werden ebenfalls konkrete Hunderassen beschrieben. Im Lex Baiuvariorum werden Hunde in verschiedenen Rassen und Einsatzzwecken beschrieben und mit eigenen Paragrafen per Gesetz geschützt, Verstöße mit hohen Strafen belegt. So etwas wäre bei Müllverwertern kaum denkbar (10).

Siesta

Zusammenfassend
kann man feststellen, dass wir keine genetischen, archäologischen oder geschichtlichen Belege anführen können, die das Modell der Domestikation des Hundes an der Müllkippe stützen. Auch die Verfechter dieses Modells verzichten auf solche Belege oder bauen wie Coppinger auf überholten Annahmen.

In seinem Schlusswort auf dem Canine Science Forum 2016 hob Professor Adam Miklósi die Bedeutung eines interdisziplinären Ansatzes für die weitere Forschung hervor. Der Hund kann nur interdisziplinär verstanden werden. Er ist ein integraler Teil der Menschheitsentwicklung, er kann nur im Kontext Mensch, dessen Historie, Arbeit, Psyche verstanden werden. Hierzu haben Daniela Pörtl und Christoph Jung ebenfalls auf dem Canine Science Forum 2016 das Modell der aktiven sozialen Domestikation des Hundes vorgestellt. Das Modell geht einen umfassend interdisziplinären Ansatz. Es verbindet die Entwicklung der Menschheit, die Co-Evolution Mensch-Hund, die Entwicklung der Produktivkräfte und die Arbeitsaufgaben des Hundes mit den Erkenntnissen der Genetik und vor allem der Epigenetik und Neurobiologie. Das Verständnis der epigenetischen Mechanismen, das Verständnis von Stress, Serotonin und Oxytocin, von Spiegelneuronen, Empathie und Joint Attention ist essentiel und unverzichtbar für das Verständnis der besonderen Beziehung von Mensch und Hund.

Ein Beitrag von Christoph Jung

Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin
(Wissen & Leben) Schattauer Verlag Stuttgart, 2015
von Christoph Jung und Daniela Pörtl
Tierarzt Prof. Dr. med. vet. Dr. hc mult. Hartwig Bostedt
Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina
in Tierärztliche Praxis Kleintiere Heft 6/2015, S. 408:

"Diese diffizile Problematik Mensch - Hund hat der Rezensent bislang noch nie so komplex dargestellt gesehen wie in dem vom Herausgeber der Reihe „Wissen und Leben" Wulf Bertram betreuten Werk Jung/Pörtl. Insgesamt eine intelligente, verständlich geschriebene Publikation, die allseits mit Nachdruck empfohlen werden kann. Allseits bedeutet, dass sowohl Tierärzte, Pädagogen und Biologen als auch Hundehalter aus diesem Werk Informationen schöpfen können, die die Hintergründe der Mensch-Hund-Beziehung deutlicher werden lassen."

Die ganze Rezension ist hier nachzulesen.


Literatur:

(1) Coppinger R, Coppinger L. Hunde: Neue Erkenntnisse über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden: animal Learn 2001
(2) Friederike Range, Sarah Marshall-Pescini, Zsófia Virányi Is Dog Domestication really about Humans? Padua 2016
(3) Müll - Facetten von der Steinzeit bis zum Gelben Sack: Führer durch die Ausstellung Oldenburg 2003
(4) Pat Shipman The Invaders: How Humans and Their Dogs Drove Neanderthals to Extinction Harvard 2015
(5) Überraschende Funde: Stonehenge-Dorf war Steinzeit-Großstadt, Spiegel-Online 08.11.2007
(6) Thalmann O, Shapiro B et al. Complete Mitochondrial Genomes of Ancient Canids Suggest a European Origin of Domestic Dogs Science 2013: Vol. 342 no. 6160: 871-874
(7) R. W. Schmitz, L. Giemsch: Neandertal und Bonn-Oberkassel – neue Forschungen zur frühen Menschheitsgeschichte des Rheinlandes. In: Fundgeschichten - Archäologie in Nordrhein-Westfalen: Begleitbuch zur Landesausstellung NRW 2010. Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen Bd. 9, 2010, S. 346–349
(8) Morey D. Burying key evidence: the social bond between dogs and people. Journal of Archaeological Science 2006: Volume 33, Issue 2, Pages 158–175
(9) Aristoteles. Zoologische Schriften I: Historia animalium. Berlin: Oldenbourg 2013
(10) Lex Baiuwariorum. München; Documenta historiae Bd 2 Teil 1 1997


Montag, 4. Juli 2016

Film "Freund oder Feind"

Ruth Stolzewski, die wir schon ob ihrer mutigen Film-Dokumentation zum Dobermann kennengelernt haben (Petwatch berichtete), stellt Ende Juli ihren neuen Film vor. Im Dokumentarfilm "Freund oder Feind" geht es um die ambivalente Beziehung zwischen dem Menschen und seinem ältesten Haustier, dem Hund. Der Hund ist der beste Freund des Menschen, aber ist der Mensch auch der beste Freund des Hundes? Oder sein schlimmster Feind? - so beschreibt Ruth Stolzewski das Thema ihres Film. Ein wirklich höchst interessantes Thema.

Am 31.07.2016 um 18:00 Uhr ist Premiere im Filmforum NRW in Köln.

Und es gibt schon einen Trailer:

Wir sind sehr gespannt auf "Freund oder Feind" von Ruth Stolzewski!

Ein Hinweis von Christoph Jung

 
Petwatch Blog