Freitag, 1. Dezember 2017

10 Jahre Petwatch

Vor 10 Jahren, im November 2007 ging der Petwatch-Blog erstmals online. Seither erschienen hier knapp 300 Artikel überwiegend zum Verhältnis von Mensch und Hund. Petwatch ging 2007 aus den Erfahrungen hervor, die ich - gezwungenermaßen - mit dem englischen Bulldog machen musste. Weitere 10 Jahre zuvor, 1997, hatte ich www.Bulldogge.de online gestellt. Sie war damals die vielleicht erste deutschsprachige Hundewebsite überhaupt. Als ich Mitte der 1990er Jahre meinen Willi bekam, ahnte ich nicht im Geringsten, in welches Wespennest ich stechen sollte.
Christoph Jung mit Bulldog Willi
Traum und Alptraum

Willi erfüllte meinen seit frühester Jugend gehegten Traum eines "eigenen" Bulldogs. Mit einem Boxer aufgewachsen, hatte ich als Kleinkind Bulldogs kennengelernt. Seither war ich in das derbe wie charmante Wesen dieser charaktervollen Vierbeiner verliebt.

Angesichts der ständigen Wehwehchen meines geliebten Willis, sagte ich mir zunächst, "da hast du Pech gehabt." Je mehr ich aber andere Bulldogs kennenlernen sollte, desto gesünder wurde Willi - aber leider nur relativ. Willi als Freund war ein Traum, das ständige Bangen um seine Gesundheit ein Alptraum. Mir schwante langsam, welches Elend und welche Niedertracht sich in der Bulldogzucht-Szene auftun sollten. Mit der Zeit erkannte ich, dass es bei einigen weiteren Hunderassen und besonders im riesigen Bereich des Hundehandels und seiner industriellen Hundeproduktion keineswegs besser aussah. Dazu konnte und wollte ich nicht schweigen. So entstanden zum Beispiel das Schwarzbuch Hund, der Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht und dieser Petwatch-Blog.
Christoph Jung mit Boxer Asso
Eine Wende gibt es nicht

Eine Wende in der Hundezucht mit Blick auf die Abschaffung von Qualzucht und vollen Tierheimen wurde bisher nicht erreicht. Rein ökonomisch gibt es auch kein Interesse an einer solchen Wende. Alle wirtschaftlichen Akteure im 5-Milliarden-Hundemarkt verdienen unter den heutigen Verhältnissen besser als sie es nach einer grundlegenden Reform im Interesse des Wohls und der Gesundheit der Hunde (oder Katzen, Meerschweinchen, Hamster) würden. Besonders die überaus mächtige Agrar- und Nahrungsmittellobby hat keinerlei Interesse an der Etablierung wirksamer Tierschutzgesetze. Die meisten Hersteller von Hundefutter, die uns in Hochglanz vormachen wollen, alles für das Wohl unserer Lieblinge zu tun, sind real Teil dieser tierfeindlichen Agrar- und Nahrungsmittellobby.

Das Interesse der Wirtschaft an der Masse Hund

Jeder Hund ist ein Verbraucher. Höhere Standards verkleinern nur den Markt und damit die Profite von Industrie und Handel und auch die Umsätze der Veterinäre. Zudem werden höhere Tierschutzstandards mit Blick auf die industrielle Massentierhaltung abgelehnt. Die Wirtschaft hat ein Interesse an möglichst vielen Hunden ob sie nun aus einer Tötungsstation in Spanien, von der Straße in Rumänien, einer Plattenbaubude in Halle-Neustadt oder industriellen Produktionsstätte in Ungarn stammen. Nachvollziehbare, kontrollierte Zucht, höhere Zuchtstandards erhöhen nur die Preise, lassen die Tierheime leer werden und die Welpenverkäufe sinken. Körperlich und mental gesunde Hunde brauchen nur selten den Tierarzt, brauchen keinen Hundepsychologen und auch nicht das besonders teure Hightech-Diät-Futter.
Mops Gruppe 1915 (aus Brehms Tierleben)
Chow-Chow 1915 (aus Brehms Tierleben)
Wir Hundeverbraucher tragen Verantwortung

Es wäre aber allzu bequem, die ganze Verantwortung auf die Lobbys in Berlin und Brüssel abzuschieben. Wir Hundeverbraucher tragen entscheidend mit Verantwortung. Gäbe es keinen Markt für "billige", sofort lieferbare Rasse- und Mischlingshunde, so könnten die industriellen Hundeproduzenten und deren Händler keine Geschäfte machen. Gäbe es keinen Markt für die bekanntermaßen übertypisierten, krankgezüchteten Möpse, Bullys oder Bulldogs, auf deren Qualzuchtprobleme überall im Web unübersehbar hingewiesen wird - so gäbe es auch dieses Elend nicht. Dabei liegt das Elend nicht nur bei den gekauften Hunden, die etwa zeitlebens an Atemnot oder Hautirritationen leiden.

Das Elend der Zuchthündinnen

Das Elend liegt zuerst bei den Hündinnen in der Produktion in ehemaligen Schweinemastanlagen oder bei Hinterhof-/Plattenbau-Hobby"züchtern". Diese werden in ihrem erbärmlichen Leben in dunklen Verschlägen im wahrsten Sinne des Wortes ausgebeutet und wenn nicht mehr produktionstauglich mit 6 Jahren mit einem Knüppel erschlagen oder - wenn sie noch "Glück" haben - von einem Tier"arzt" euthanasiert. Das ist in der EU legal und Alltagspraxis, auch in  Deutschland. Doch erst mit unserem Geld werden die tierquälerischen Realitäten ermöglicht! Sich hier naiv stellen, man wisse nichts von Qualzucht, Papiere brauche man eh nicht oder "ein Mops muss halt röcheln", zählt nicht. Die Hinweise auf Qualzucht, Hundehandel und das damit verbundene Elend für die Hunde sind nicht zu übersehen! Trotzdem erleben gerade die Plattnasen seit Jahren einen Boom.

Industrielle Hundeproduktion boomt

In der Produktion von Hunden hat sich real nichts zum Positiven verändert. Im Gegenteil hat sich der Druck und der Marktanteil der industriellen Hundeanbieter immer weiter erhöht. Deren Markt boomt dank uns Tier- und Hundefreunden. Und die Deutschen dünken sich ja gerne als die Obertierschützer der Welt. Die Geiz-ist-geil Hundekäufer, die sich ihren Welpen gerne am Laptop auf dem Sofa von zuhause aus bestellen, werden immer mehr. Das ergab eine aktuelle Studie aus Dänemark. Man will sich nicht mehr die Mühe machen, ein paar hundert Kilometer zu verschiedenen Züchtern zu fahren und sich vor Ort kundig zu machen. Und man will erst recht nicht Monate auf seinen Welpen warten müssen. Sofort und billig ist das Motto. Der Anteil der aus VDH-Zucht stammenden Hunde ist inzwischen unter 30% gesunken. Wir wissen, dass sich die angeblich einzig kontrollierte Zucht unter dem Dach des VDHs zuweilen kaum von jener in irgendwelchen Billigproduktionen unterscheidet. Ja sogar skandalöse Verhältnisse wie beim Dobermann werden zumindest toleriert.
Deutscher Boxer 1915 (aus Brehms Tierleben)
Deutscher Schäferhund wie ihn Rassegründer Rittmeister von Stephanitz wollte
(1915 aus Brems Tierleben)
"Kontrollierte Zucht"

Meiner Einschätzung nach kann man aber die meisten Zuchtvereine unter dem Dach des VDHs als seriös bezeichnen, die nach den Regeln der Kunst der Hundezucht arbeiten. Bei vielen Hunderassen, namentlich bei Jagdhunden, aber nicht nur dort, gibt es von Grundsatz her nichts auszusetzen. Hier werden in jeder Hinsicht gesunde Hunde gezüchtet. Hier wird eine gute züchterische Arbeit geleistet! In der Zucht außerhalb des VDHs gibt es ebenfalls vereinzelt Züchter und Zuchtvereine, die eine gute Arbeit leisten. Im Großen und Ganzen aber ist die Zucht außerhalb des VDHs unter Tierschutzaspekten abzulehnen, der Hundehandel allemal. Viele der Hundezuchtverbände neben dem VDH kann man als bequeme Dienstleistungsunternehmen für Hundeproduzenten kennzeichnen, deren Aufgabe es lediglich ist, Papiere, Stammbäume und Championate bereitzustellen, also letztlich dem Welpenkäufer ein solides Produkt vorzugaukeln.
Zucht ohne Regeln

Mehrfach machte ich aus erster Hand Erfahrung mit Versuchen, in einem Zuchtverein höhere Zuchtstandards zu etablieren. Das schlug immer fehl, schlicht da sich die meisten Züchterinnen und Züchter kurzerhand verabschiedeten und Vereinen anschlossen, die keine so strenge Zuchtordnung hatten. Hinzu kommt, dass die Käuferschaft in der Regel höhere Zuchtstandards nicht honoriert. Da ist auch die Macht des VDHs am Ende. Würde er die exakte Umsetzung seines eigenen Regelwerkes durchsetzen, so würden sich bei den Problemrassen massenhaft Züchter verabschieden. Den Rest übernimmt die EU-weite Massenproduktion ohne mit der Wimper zu zucken. In der EU ist die Größe eines Apfels exakt reguliert, die Krümmung einer Gurke genormt, nur ganz bestimmte Sorten an Tomaten zugelassen. Der Handelsweg muss penibel dokumentiert sein, wenn die Kartoffel schließlich beim Discounter im Regal liegt. Alles voll mit Zulassungen, Normen, Vorschriften, Dokumentationen, Kontrollen. Die Hunde- und Heimtierzucht ist ein weißer Fleck auf der ansonsten dicht beschriebenen Regularienkarte Brüssels. Es gibt ein paar Vorschriften zu Rahmenbedingungen (Transport, Zwingergrößen) ansonsten jedoch keinerlei Regelwerk weder zu Zucht noch zum EU-weiten Hundehandel. In der EU fehlen jegliche gesetzliche Rahmenbedingungen unmittelbar für die Hundezucht (wie auch für andere Heimtiere). Es gibt keinerlei Zulassungsbedingungen, Kontrollen, Mindeststandards für die Zucht. Züchten darf jede und jeder. Dasselbe gilt für das Betreiben eines Zuchtverbandes, das Ausgeben von "Papieren" oder Championaten. Das deutsche Tierschutzgesetz zeigt sich seit bald 20 Jahren als annähernd wirkungslos. Dass das kein Zufall ist, sehen wir an der oben beschriebenen Interessenlage.

Gesetzliche Rahmenbedingungen für das Wohl der Hunde

Gesetzliche Rahmenbedingungen sind der einzig realistische Weg, Qualzucht nachhaltig zu unterbinden, das Elend in den Produktionsstätten zu beenden, nebenbei die Tierheime zu entlasten und eine Wende im Interesse des Wohls und der Gesundheit unseres besten Freundes durchzusetzen. Leider kenne ich keine Partei, die ernsthaft bemüht wäre, einen solchen Weg voranzutreiben. Die etablierten Parteien sind zu eng mit den mächtigen Lobbys verflochten. Sie reden lediglich von Tierschutz. Wir Hundefreunde müssen Druck machen! Doch leider gibt es im Bewusstsein der Hundeverbraucher noch keine Wende.

Was wurde überhaupt erreicht?

Aber es gibt Änderungen. Wenn wir vor gut 10 Jahren die Beschreibung einer Hunderasse gelesen haben, so waren das durchweg schönfärberische Darstellungen in Hochglanzprospekten. Da wurde ein Border Collie genauso als Familienhund empfohlen wie der Kaukasische Owtscharka. Auf Versäumnisse in der Zucht hinzuweisen, wurde mit Schlechtmachen einer Rasse gleichgesetzt und war in fast allen Medien tabu. Die Verlage wollten keine Bücher oder Artikel mit kritischen Texten. Nun zeigen sich zarte aber hoffnungsvolle Ansätze. In verschiedenen Magazinen schreibe ich regelmäßig Artikel über Hunde und Hunderassen. Heute zeigen sich einige Verlage aktiv daran interessiert, dass ich auf eventuelle wesens- oder gesundheitliche Probleme hinweise. Bei den meist unflätigen "Kritiken", die dann wie gewohnt immer wieder kommen, stellen sich die Verlage klar hinter mich. Meine Verlage sagen, dass die Leserinnen und Leser heute ehrliche Beschreibungen haben wollen. Nicht viel aber immerhin. Vielleicht entwickelt sich aus diesen zarten Ansätzen ein Umschwung im Bewusstsein der Hundekäufer?
Daniela Pörtl als Musher mit Marry und Zander
Der beste Freund des Menschen

In den letzten Jahren habe ich mich wieder meinem eigentlichen Schwerpunkt beim Thema Hund zugewendet. Wie ist der Hund entstanden? Was hat Mensch und Wolf zusammenfinden lassen? Was ist das Geheimnis dieser besonderen, einmaligen Beziehung zweier Spezies? Diese spannenden Fragen bewegen mich schon seit meiner Jugend. In der Ärztin Daniela Pörtl habe ich 2012 eine ideale Partnerin zur weiteren Erforschung dieser Fragen gefunden. Gemeinsam haben wir das Modell der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" entwickelt und seit 2013 auf zahlreichen internationalen Kongressen vorstellen können. "Peer-reviewed" Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Journals kamen hinzu wie eine ausführliche Darstellung im Schattauer-Verlag (Tierisch beste Freunde; Literaturliste siehe unten). Mit Petwatch will ich verstärkt über unsere großen Gemeinsamkeiten und die gemeinsame Geschichte aufklären. Das seit dem ersten Erscheinen von Petwatch geltende Motto "Für die Partnerschaft Mensch Hund" ist die Triebkraft. Ich bin der Überzeugung, dass die Menschheit dem Bündnis mit dem Wolf resp. Hund entscheidende Impulse für die eigene Evolution zu verdanken hat. Dazu stelle ich wichtige neue Erkenntnisse der Wissenschaft vor, diskutiere diese - und, da wo es mir angebracht erscheint, auch durchaus kritisch.

Ich meine, wir haben dem Hund Vieles zu verdanken. Er schenkt uns noch heute viel Lebensfreude, Tag für Tag. Ein Leben ohne Hund ist möglich aber sinnlos - frei nach Loriot. Aber WIR müssen etwas für diese Freundschaft tun. WIR haben hier die volle Verantwortung. Dieser werden wir heute nicht wirklich gerecht.
Vor der Konferenz konnte ich am Rande von Phoenix (AZ) beim Sonnenaufgang regelmäßig Kojoten beobachten.
Das wissenschaftliche Interesse am Hund

Dabei viel mir schon vor Jahren auf, dass sich seit etwa 2000 das wissenschaftliche Interesse am Hund schlagartig intensiviert hat. Auf der Canine Science Conference in Phoenix/Arizona, an der ich als Redner teilnehmen konnte, wurde es im Oktober 2017 ganz offen kommuniziert. Weite Teile der Forschung am Hund gelten nicht wirklich dem Hund. Sie gelten der Pharmaindustrie, die sich riesige Profite über die Entwicklung neuartiger Psychopharmaka ausrechnet. Sehr viel Geld wird in die Forschung am, mit, aber nicht für den Hund investiert. Die neue Generation von Medikamenten soll direkt an den Genabschnitten (SNPs) ansetzen, die als Verursacher von Schizophrenie, Depressionen und andere psychische Leiden ausgemacht werden. Das gilt für Wachmacher und andere leistungssteigernde Mittel ebenso. Die Pharmaforschung bestätigt: Mensch und Hund sind in ihrem Wesen und in ihrer Psyche so ähnlich aufgebaut wie keine zwei anderen Spezies. Das macht sich die Forschung zu Nutzen. Darauf werde ich hier auf Petwatch in Zukunft genauer eingehen. Man muss wachsam sein und verhindern, dass Hunde nicht nur zur Erkundung der Zusammenhänge dienen, vielmehr auch als Versuchsobjekte missbraucht werden könnten, etwa indem bei ihnen künstlich Erkrankungen wie Schizophrenie ausgelöst werden.

Es bleibt spannend! Ich bleibe am Ball.

Last but not least:
Vielen herzlichen Dank an die vielen Bloggerinnen und Blogger, die hier als Gast Artikel beitrugen!

Christoph Jung

Ein paar wissenschaftliche Veröffentlichungen:
  • "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" eine umfassende Beschreibung der Grundlagen der Mensch-Hund-Beziehung und deren Wechselwirkungen. Das Modell der Aktiven sozialen Domestikation des Hundes. (Im Schattauer-Verlag, heute Thieme, erschienen). 
  • Pörtl D, Jung C. Is dog domestication due to epigenetic modulation in brain? Dog behavior Vol 3, No 2, 2017 https://doi.org/10.4454/db.v2i3 
  • Pörtl D, Jung C. The domestication from the wolf to the dog is based on coevolution. Dog Behavior Vol 2, No 3, 2016 DOI: http://dx.doi.org/10.4454/db.v2i3.44
  • Poertl D, Epigenetic regulation of the hypothalamic-pituitary-adrenal stress axis and its effects on social behaviour Exp Clin Endocrinol Diabetes 2013; 121 - OP5_29 DOI: 10.1055/s-0033-1336637
  • 2012 haben wir unser Modell der "Aktiven sozialen Domestikation" in einem Papier vorgestellt und 2014 auch in einem kleinen Büchlein veröffentlicht: "Die aktive soziale Domestikation des Hundes: Ein neurobiologisch begründetes Modell zur Mensch-Hund-Beziehung".
  • mehr auf meiner Website: www.christoph-jung.com



 
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